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„Pompeji“ in Halle : Aus der Schmiede des Vulkans

Pompeji und Herculaneum sind zwar untergegangen, aber die Faszination für ihre Ruinen bleibt. Eine Ausstellung in Halle nimmt sich jetzt der Städte an und schafft eine neue Perspektive.

          4 Min.

          Die Täter kamen in der Dämmerung. Sie liefen an den Villen vorbei, die schon geplündert und von den Dieben markiert worden waren - „doummos pertousa“, „durchlöchertes Haus“, stand an einer von ihnen in fehlerhaftem Latein -, bis sie zu einem in der Nähe des Theaters gelegenen Häuserblock gelangten, dessen teils unversehrte Dächer und Außenmauern reiche Beute verhießen. Mit Spitzhacken schlugen sie sich den Weg aus dem von Säulen gerahmten Peristyl, dessen Becken und Beete unter Bimssteinbrocken begraben waren, in die Quartiere des Hausherrn frei.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ein Kind, das seinen schmalen Körper durch die kleinsten Öffnungen zwängte, diente ihnen als Späher. An einem Mauerloch, hinter dem scheinbar die Räume der Sklaven begannen (in Wahrheit war es die Wohnung des Verwalters, in der bronzene Werkzeuge, Glasvasen und Siegelringe lagen), machten die heimlichen Besucher kehrt. In einem kleinen Saal daneben hieben sie mehrere Löcher in die bemalten Wände, um in den angrenzenden Korridor vorzudringen.

          Wie ein Schnappschuss aus der Antike

          Dann, plötzlich, kam der Tod. Bis heute weiß niemand genau, woran die drei Gestalten, deren Überreste in den Trümmern der Villa des Menander im Süden des Grabungsgeländes von Pompeji gefunden wurden, gestorben sind - an giftigen Gasen, einem unerwarteten Mauersturz, einem blutigen Streit. Aber fast alles spricht dafür, dass sie nicht beim Untergang der Stadt am 24. Oktober des Jahres 79 ihr Leben verloren, sondern erst Tage später. Dass sie zu den Menschen gehörten, die den Ausbruch des Vesuvs überstanden hatten und nun versuchten, aus der Katastrophe das Beste für sich selbst herauszuholen.

          Die Faszination, die seit gut 250 Jahren von den Ruinen von Pompeji und Herculaneum ausgeht, hat viel mit dem Schnappschuss-Charakter des Infernos zu tun, das die beiden Städte vernichtete. Hier hatte die Antike keine Zeit, langsam zu verfallen, christliche und germanische Formen anzunehmen, Tempel in Kirchen und Theater in Burgen zu verwandeln. Stattdessen wurde sie wie von einem gigantischen Graphitblitz auf die Fotoplatte der Geschichte gebannt. Die Läden und Garküchen, die Vasen und Geschirre, die Zimmer mit den Pflanzen- und Mythenmalereien sehen aus, als wären sie gerade erst verlassen worden, und auf den Pflastersteinen glaubt man die Eselskarren rumpeln zu hören.

          Vom echten Vulkan zur Idee eines künstlichen

          Aber die Statik dieses Bildes täuscht. Der Ausbruch, der die römischen Siedlungen begrub, war nur eine Episode in dem Jahrzehntausende währenden tellurischen Drama der Vesuvlandschaft. Pompeji selbst lag am Schnittpunkt von Handels- und Lebenslinien, die bis ins hinterste Indien und ins tiefste Germanien reichten. Und schließlich stellt das, was zwischen den ersten regulären Grabungen im Jahr 1748 und den jüngsten Pannen der italienischen Antikenverwaltung passierte, mittlerweile ein ganz eigenes, mal tragisches, mal lächerliches Schauspiel dar. Alle diese Geschichten versucht die Pompeji-Ausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zu erzählen, ohne dabei ihren Fluchtpunkt aus den Augen zu verlieren: den langen, schrecklichen Oktobertag des Jahres 79 nach Christus.

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