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Politsatire aus Russland : Generäle küsst man nicht

  • -Aktualisiert am

Im Pariser Maison Rouge wird zurzeit Kunst gezeigt, die in Moskau für Skandale sorgt: Viele Werke durften erst gar nicht ausreisen, der Kulturminister bezeichnete die Schau als „Schande“ und der Kurator soll jetzt vor Gericht gestellt werden.

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          Was der russischen Kunst an Raffinesse fehlt, wiegt sie auf durch Lebensernst: Während das Pariser Publikum im Maison Rouge noch bis zum 15. Dezember eine Retrospektive russischer politsatirischer Kunst goutiert, wird in Moskau die freie künstlerische Selbstbesinnung juristisch stranguliert. Die Verleumdungsklage des Direktors der Tretjakow-Galerie, Rodionow, gegen Kulturminister Sokolow, der die Pariser Schau eine „Schande“ fürs Vaterland nannte, ist die Spitze eines Eisbergs. Rodionow, ein erklärter Feind der subversiven Szene, hatte die mehrere hundert Werke starke Schau, die sein Kurator für Zeitgenössisches, Andrej Jerofejew, zu Jahresbeginn in der Tretjakow-Galerie ausgerichtet hatte, für das Gastspiel im Westen schon um einige Dutzend Arbeiten erleichtert, darunter Fotoauftritte des Selbstverwandlungskünstlers Wladislaw Mamyschew-Monroe als Hitler, Lenin, Bin Ladin, aber auch Rollenspiele der Künstlergruppe „Blaue Nasen“, einer Lieblingszielscheibe russischer Zensoren - etwa als glühend einander küssendes Polizistenpaar.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          In der Moskauer Schau fehlten einige Bilder, wo Jesus mit Mickymaus-Kopf oder Polizisten in obszönen Posen auftraten und die Jerofejew in einer Ausstellung zensierter Kunst im SacharowZentrum für Menschenrechte vorführte . Seither darf der Kurator, dem die Tretjakow-Galerie ihre aktuelle Sammlung überhaupt verdankt, dort keine Kunstschauen mehr ausrichten. Das Sacharow-Zentrum selbst steht vor der Schließung. Die orthodoxe Kirche, die der Gesellschaft frommen Gehorsam anerziehen will, versucht, Jerofejew per Gerichtsentscheid die Ausübung seines Berufes ganz zu verbieten.

          Zensur bei den blauen Nasen

          Popsatiren, Unanständiges gehören nicht ins Museum, sondern in den Untergrund, finden Wortführer der christlichen Wiederaufrüstung wie Wsewolod Tschaplin und Andrej Kurajew. Minister Sokolow will obendrein auch Ausstellungsexporte in die patriotische Pflicht nehmen. Museumsdirektor Rodionow muss sein Gesicht wahren. Er erklärt es jetzt zu seiner Pflicht, auch Kunst zu sammeln und zu zeigen, die er selbst ablehnt, und verteidigt per Rufschädigungsklage seine Reputation. Unterdessen haben faschistoide Gruppen, die Volksunion und die Bewegung gegen illegale Migration, schon gegen Jerofejew, den Rädelsführer bildnerischer Anarchie, ein zweites Verfahren angezettelt. Der Vorwurf lautet jetzt, seine Schau schade Russlands nationalen Interessen.

          Die Säuberungsopfer von Paris erzählen mit groteskem Witz, wie der Mensch verschwindet: Zu den aus der Schau entfernten Arbeiten zählen die Lichtkästen der Künstlergruppe PG, die „Russlands Ruhm“ in der Gestalt von Polizisten mit Dollarbündeln in der Hand verherrlichen. Von den „Blauen Nasen“ fehlen fünfundsechzig Fotoarbeiten, auf denen sich die Künstler, mit kaum mehr als Masken von Saddam Hussein, Prinzessin Diana, dem weißrussischen Präsidenten Lukaschenka, dem ermordeten Ex-Spion Litwinenko bekleidet, in grotesken Posen verewigten. Von dem voriges Jahr verstorbenen Wjatscheslaw Syssojew mussten Karikaturen, die nach dem Atomkrieg eine orthodoxe Prozession in Gasmasken und Mao, Hitler und Stalin als „Hoffnungsträger der Jugend“ empfahlen, den Pariser Schauräumen fernbleiben.

          „Wir denken nicht!“

          Den größten Zorn zog sich der Kuss der Milizionäre zu, den die Blauen Nasen „Ära der Barmherzigkeit“ getauft haben. Die Winteridylle, auf den ein Ordnungshüter, keusch bekleidet, in Umarmung mit seinem Spiegelbild versunken scheint, wirkte auf Minister Sokolow „pornographisch“. Mit Sokolows Vorwurf, die Veranstalter der Ausstellung seien korrupt, weil sie zulassen, dass mit Hilfe der Nobelmarke Tretjakow-Galerie zweifelhafte Künstler die Preise für ihre Produkte hochtreiben, könnte man jede staatliche Museumsschau torpedieren. Da aber im Wahlkampf die Korruptionsjagd Hochsaison hat, ist die fragile Kunst, zumal wenn sie über heilige Autoritäten lacht, ein doppelt willkommenes Opfer. Russland inszeniert derzeit ein Schauspiel von nahezu ekstatischer Verschmelzung von Macht und Volk. Auf der Jubelfeier der Kremljugend der „Unsrigen“ (Naschi) für Präsident Putin wurden die Sprechchöre von Sonderbeauftragten dirigiert, die verrieten, sie müssten der spontanen Liebe der Massen die richtige Form geben.

          Wahre Gefühle machen oft blind. Der Filmregisseur Nikita Michalkow dichtete in seinem Putin-Hymnus dem Staatsoberhaupt die souveräne Beherrschung mehrerer Sprachen an. Als eine Reporterin „Unsrige“ nach ihren Meinungen fragte, erwiderten die entschieden: „Wir denken nicht!“ Ein Blick in den Spiegel ist für solche Höhenflüge Gift.

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