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„Superkunstjahr“ 2017 : Ausweitung der Kunstzone

  • -Aktualisiert am

1944 Tatort von Morden der Nationalsozialisten, 2017 Schauplatz einer Kunstperformance: Mary Zygouris „The Round up: Kokkinia 1979 - Kokkinia 2017“ bei der Documenta 14 im Athener Viertel Nikaia Bild: Simale Pantzartzi/Epa/Rex/Shutterstock

Documenta, Skulpturprojekte, die Biennalen: Alle zehn Jahre überschneiden sich internationale Kunstschauen in einem „Superkunstjahr“. Es zeigt, wie die Dynamik digitaler Buschfeuer nicht nur die Öffentlichkeit verändert.

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          Es war ein dramatischer Auftakt: Vier Reiter ritten am Sonntag die Akropolis herab, um eine dreimonatige Reise nach Kassel anzutreten, entlang der Flüchtlingsroute, die den Kontinent über die vergangenen achtzehn Monate so stark verändert hat. Im Juli sollen sie auf Wunsch des Künstlers Ross Birrell in Kassel eintreffen. Dort soll am 10. Juni der zweite Teil der Weltkunstschau eröffnet werden. Der erste Teil ist seit diesem Wochenende in Athen zu sehen.

          Der kontinentale Ritt läutet nicht nur eine besonders ungewöhnliche Documenta ein, sondern ein ganzes „Superkunstjahr“, wie es nur alle zehn Jahre vorkommt: Am 13. Mai beginnt die Venedig-Biennale, parallel zu Kassel eröffnen die nur alle zehn Jahre stattfindenden „Skulptur Projekte“ für Kunst im öffentlichen Raum in Münster. Anfang September eröffnet dann, inschallah, die Istanbul-Biennale – in einer Zeit, in der die Künste in der Türkei so sehr unter Druck stehen wie Wissenschaft und Medien.

          Documenta 14 : Über Athen nach Kassel

          Anfang März wurde dort die Künstlerin Zehra Dogan zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und knapp zehn Monaten verurteilt. Sie hatte die Zerstörungen in der kurdischen Stadt Nusaybin durch die türkische Armee in einem Gemälde festgehalten. Von den Kuratoren der Istanbul-Biennale, dem Berliner Künstlerduo Elmgreen & Dragset, war dazu kein Wort zu hören. Sie meiden jede politische Positionierung und stellen ihre Schau unter das Wohlfühl-Motto „Nachbarschaft“ – womöglich können sie nur so ihren türkischen Kollegen einen letzten Raum der freien Rede erhalten.

          Eine Künstlerin wird verhaftet, weil sie staatliche Gewalt malt: Man muss an den deutschen Soldaten denken, der 1944 vor einer Reproduktion von Picassos künstlerischer Umsetzung des deutsch-italienischen Luftangriffs auf Gernika fragte: „Haben Sie das gemacht?“ Worauf Picasso antwortete: „Nein, Sie.“ „Guernica“, das berühmteste Beispiel für das Aufeinanderprallen von Kunst und Politik, wird in diesem Jahr achtzig Jahre alt.

          Bangen vor dem Ende staatlicher Kulturförderung

          Die nun anlaufende Selbstverständigung Europas im Format der Großausstellung fällt in eine Zeit, in der die Kunst auf lange nicht erlebte Weise mit Politik aufgeladen wird. In Polen und Ungarn werden unliebsame Kulturschaffende entlassen, die amerikanische Regierung will die staatliche Kunstförderung abschaffen, und Documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff bangt schon um die Zukunft der Weltausstellung für den Fall, dass die AfD über Landtag und Stadtrat in den Aufsichtsrat kommt.

          Zugleich entzündet sich eine unterschwellige gesellschaftliche Nervosität an Kunstwerken wie den vor der Dresdner Frauenkirche in die Höhe ragenden Reisebussen Manaf Halbounis oder dem schwarzen Christus in Marlene Dumas’ neuem Altarbild für die Dresdener Annenkirche.

          Aber auch innerhalb der Kunst steigt die Empfindlichkeit: In einem offenen Brief an die Kuratoren der New Yorker Whitney Biennale verlangte die englische Künstlerin Hannah Black kürzlich in martialischem Feme-Ton die Zerstörung eines ausgestellten Gemäldes von Dana Schutz. Schutz hatte eine Ikone der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, das Foto des Lynchmordopfers Emmett Till, mit Francis-Bacon-haftem Pinselschwung interpretiert. Die Unterzeichner des Briefes verwahren sich unter Verweis auf Schutz’ Marktpreise gegen die Aneignung schwarzer Geschichte durch eine weiße Künstlerin.

          „The disasters of War“ des spanischen Künstlers Daniel Garcia Andujar bei der Eröffnung der Documenta in Athen. Bilderstrecke
          „The disasters of War“ des spanischen Künstlers Daniel Garcia Andujar bei der Eröffnung der Documenta in Athen. :

          Einen so erbitterten Streit hat es in der Kunstwelt, die jahrelang den Eindruck einer gut geschmierten Karrieremaschine machte, in der man sich möglichst gut gelaunt, vernetzt und anschlussfähig zeigte, seit langem nicht gegeben. Es ist, als gerate der Gesellschaftsvertrag, der die Kunst vom Leben schied und ihr im Gegenzug Autonomie gewährte, ins Wanken. Als erführen Bilder, entgegen der Klagen über Abstumpfung in der digitalen Bilderflut, eine geradezu vormoderne, magische Aufladung, wie Totems, um die verfeindete Stämme kämpfen.

          Das verdankt sich sicher dem durch Smartphones beförderten Tribalismus, durch den Politik zur Arena spontaner Erregung wird, beherrscht von Bildern und Schlagworten. Nicht für das Malen ihres Bildes wurde Zehra Dogan verhaftet, sondern dafür, dass sie es über soziale Netzwerke verbreitete. Diese Veränderung von Öffentlichkeit durch die Dynamik digitaler Buschfeuer hat auch die Kunst erfasst.

          Seit die Documenta 1955 zum ersten Mal ihre Pforten öffnete, begleitet sie den Aufbau einer weltoffenen Gesellschaft nach den Verbrechen und Schrecken des Nationalsozialismus. Der Künstler verkörpert die Freiheit, jederzeit eine neue Welt schaffen zu können; während diese Freiheit darauf beruht, dass sie eine produktive Fiktion ist, weil die Erfindungen im Symbolischen bleiben. Diesen widersprüchlichen Raum der Freiheit gerade durch das immer neue Ausreizen seiner Grenzen aufrechtzuerhalten ist eine Voraussetzung liberaler Gesellschaften, in denen es jedem Einzelnen erlaubt sein muss, die Landkarte des Vorstellbaren, Wünschenswerten und Möglichen jederzeit neu zu zeichnen.

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