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Plakatkunst : Der König der Champagnerfarben

Kein Freund von Kadavergehorsam: Das Museum Georg Schäfer zeigt die bahnbrechende Plakatkunst Henri de Toulouse-Lautrecs.

          3 Min.

          Was heute mit den auf Mauern gesprayten Werken eines Banksy geschieht – dass nämlich fanatisierte Liebhaber in Nacht-und-Nebel-Aktionen diese Bilder aus den Wänden sägen oder abzulösen suchen –, widerfuhr dem französischen Impressionisten Henri de Toulouse-Lautrec schon vor 130 Jahren. Seine grellfarbigen Plakate, die im Pariser Nachtleben Reklame für das Moulin Rouge, diverse Schauspiele und vor allem Schauspielerinnen, aber auch für Fahrräder und Champagner machten, den Treibstoff, der die Vergnügungsmaschinerie am Laufen hielt, waren heiß begehrt. So sehr, dass selbst ehrsame Sammler nächtens herumstreunten, um seine Affiches abzulösen. Es ist dies die größte Ehre für einen Grafiker, der potentiell französischer König hätte werden können statt nur Champagnerprinz, einen Titel, den er sich unermüdlich in den Etablissements am Montmartre ertrank.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn, ja wenn mehrere bourbonische Erben hintereinander weggestorben wären, hätte der mit Erbkrankheit in eine der Frankreichs Könige stellenden Familien hineingeborene Kleinwüchsig-Verkrüppelte zum Regenten aufsteigen können. Die Abstammung aus dem französischen Hochadel erklärt möglicherweise, warum Toulouse-Lautrec – anders als das Klischee vom perlend-sorglosen Impressionismus es will – politisch durchaus interessiert war: Auf der Lithographie „Babylone d’Allemagne“ von 1894 steht ein preußischer Wachsoldat in Feldgrau und mit Pickelhaube übertrieben eilfertig stramm, als ein Offizier auf einem Schimmel an ihm vorüberreitet, den Toulouse-Lautrec zusätzlich mit einer weißen Uniform zur blonden Lichtgestalt im Phantasiekostüm stilisiert.

          Köpenickiaden: Auf Henri de Toulouse-Lautrecs Lithographie „Babylone d‘Allemagne“ von 1894 hat die Paradeuniform Vorfahrt

          Natürlich bedient das die massiven Vorurteile seit dem gegen Preußen verlorenen Krieg 1870/71, vor allem, wenn Toulouse-Lautrec den Klischeespieß hier umdreht und Berlin im Titel des Blattes als „deutsches Babylon“ schmäht, während üblicherweise Paris den neuorientalischen Sündenpfuhl abgab.

          Durch die direkte Gegenüberstellung mit dem legendären Münchner Satireblatt „Simplicissimus“ aber lässt die Ausstellung wahrscheinlich werden, dass sich dessen Zeichner Eduard Thöny mit seiner Karikatur direkt auf das französische Vorbild bezog: Bei ihm stürmt eine preußischer Wachsoldat mit vorgerecktem spitzen Zeigefinger und den Worten „Sie – der Maskenrummel hört jetzt auf! Heut ist Aschermittwoch!“ auf einen vorbeistolzierenden Offizier mit weißem Stetson und ebensolchen Lederhandschuhen in silberbestickter Paradeuniform zu. Tatsächlich handelt es sich um die real existierende „Tropenuniform“ der kaiserlichen Kolonialarmee, wie der Titel der Karikatur darüber verkündet – Götter in Uniform und Blaupausen für verheerende Köpenickiaden im folgenden Weltkrieg.

          Dass Toulouse-Lautrec kein Freund von Kadavergehorsam und Uniformen war, zeigt auch die überspitzte Napoleon-Persiflage für das New Yorker „Century Magazine“. Auf je einem blauen, weißen und roten Pferd mit Scheuklappen sitzen nebeneinander ein Kavallerist der französischen Nordafrika-Armee, Napoleon selbst und einer seiner Generäle. Der vermeintliche Stolz dieser hippologischen Tricolore ist rasch eingeschränkt, indem der nordafrikanische Lanzenreiter die amerikanische Stars-and-Stripes-Flagge anstelle des französischen Nationalbanners emporreckt und damit auf die vorrevolutionäre Umsetzung demokratischer Ideen in den Vereinigten Staaten bereits ab 1776 hinweist.

          Ohnehin teilt er das Wesentliche oft in Kostümdetails mit. Modisch stets an der Spitze, weiß er genau, was en vogue ist. Sein Markenzeichen neben dem Elefanten ist eine mühelos wirkende Eleganz ebenso wie Extravaganz. Die Schau präsentiert jedoch nicht nur alle Klassiker dieses größten aller Plakatentwerfer wie den durch ihn zur Ikone gewordenen Mimen Aristide Bruant oder seine schlangenumzüngelte Jane Avril aus dem Moulin Rouge. Sie zeigt mit der von einem scheinheiligen Nimbus umflorten „Chat Noir“ des Kollegen Steinlen und den schnell durchschaubaren und wie in Warhols Factory im Dutzend reproduzierten Sarah Bernhardts von Mucha auch die Fallhöhe, in die sich der hochadelige Plakatier empormalte.

          Alles fließt in Paris

          Tatsächlich konnte ihm in der fließenden Nonchalance nur einer das Prickelwasser reichen: Auch der Mitimpressionist Pierre Bonnard lässt 1891 auf einem Plakat die Champagnerkorken knallen. In Vorwegnahme der Avantgarde des folgenden Jahrhunderts löst er die Dargestellte mit dem wie der Breitopf im Märchen überfließenden Champagnerkelch in der Hand in Farbe und Kohlensäurebläschen auf. Ihren zwei funkelnden Augensternen entströmt reines Entzücken, der orangefarbene Fächer in der Linken wird im nächsten Moment ebenso nach unten gleiten wie der Träger ihres Kleides. Ihr wie Gummi extrem gelängter Arm zeigt an, dass alles in dieser Situation im Fluss ist. Eine derartig prickelnde Spannung und gelöste Selbstvergessenheit im selben Moment vermochte bis zu diesem Affiche nur Henri aus dem Geschlecht der Grafen von Toulouse einzufangen.

          Henri de Toulouse-Lautrec. Auf den Bühnen von Paris (1891–1899). Im Museum Georg Schäfer, Schweinfurt; bis zum 29. September. Der Katalog kostet 24,90 Euro.

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