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Für einen ästhetischen Streit : Es lebe die Kunst! Nur welche? Und warum?

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Auf dem Foto drängt das von Narben ausgelöschte Gesicht jedes andere Element in den Hintergrund. Im Gemälde ist es ein breiter baconesker, die rechte Wange vermatschender Pinselschwung, der das Gesicht in Malerei verwandelt. Er wirkt ein bisschen, als hätte sich jemand auf der Bühne zu weit vorgewagt und drehte aus Verlegenheit noch eine Pirouette. Der Strich fügt sich wie die bunten Farben bruchlos in Schutz’ Werk. Mit dem Verbrechen an Emmett Till, dessen Erfahrungen, der seiner Mutter und der von Afroamerikanern überhaupt hat er nichts zu tun. Er überschreibt die Geste von Tills Mutter und führt damit tatsächlich, wenn wohl auch unbeabsichtigt und aus reiner Naivität, die historische Gewalt symbolisch fort.

Die Werkzeuge wieder schärfer in den Blick nehmen

So gesehen, ist nicht Hannah Black die Ikonoklastin. Schutz ist es, die der Ikone zwar nicht, wie einst üblich, die Nase abgeschlagen hat, aber die bereits abgeschlagene Nase doch immerhin bunt angemalt hat. Ist es nicht nachvollziehbar und interessant, dass schwarze Künstler ihre lebendigen Körper wiederum vor das Gemälde stellten?

Durfte Schutz also dieses Bild malen? Warum nicht? Durfte Black dessen Zerstörung fordern? Warum nicht? Sollte es zerstört werden? Wozu? Sollte es verteidigt werden? Nun, wie?

Zwei Tendenzen drohen den Diskurs über Gegenwartskunst verarmen zu lassen: eine defensive Identitätspolitik; und die Übermacht eines Inhaltismus, der zwischen dem, was gezeigt, und der Art, wie es gezeigt wird, zu wenig unterscheidet. Darunter leidet der Wettstreit um formale Innovation – ausgerechnet in einem Moment, in dem sowohl die ästhetischen wie die gesellschaftlichen Formen durch die Digitalisierung in Bewegung geraten sind; und in dem die Kunst zur Medienanstalt und kulturellen Leitindustrie ausgewachsen ist, von der Stellungnahmen zum Weltgeschehen erwartet werden. Dabei gerät ihr wichtigster gesellschaftlicher Beitrag zunehmend in den Hintergrund: Nirgendwo anders lässt sich so gut der Sinn dafür schärfen wie in der Kunst, wie die tatsächlichen Dinge konkret gemacht sind; und warum sie wie wahrgenommen werden.

Wenn die Kunst einmal mehr ihre Rolle in der Welt neu bestimmt, dann sollte sie ihre eigenen Werkzeuge wieder schärfer in den Blick nehmen. Das wird freilich nicht durch Dogmen von Moral und Solidarität möglich sein, nicht durch ihre Anfüllung mit brisanten Inhalten, sondern nur durch die Rückgewinnung von ästhetischen und formalen Argumenten und die Belebung des Gemeinsamen im Streit.

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