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Pixar wirbt in Bonn : Lasst uns alle Künstler sein!

  • -Aktualisiert am

Die Bundeskunsthalle in Bonn hat sich zum Werkzeug der Pixar-Studios gemacht. Eine Ausstellung plappert dort munter die Marketingbotschaft der Firma nach.

          3 Min.

          Die Bundeskunsthalle in Bonn steht in der Kritik. Robert Fleck, ihr Intendant, verlässt das Haus zum 1. Oktober. Er geriet unter Druck, weil seine aktuelle Ausstellung zu „Anselm Kiefer“ ausschließlich aus Arbeiten der umstrittenen Privatsammlung Grothe besteht. In dieser Zeitung wurde auch sein geplantes Programm infrage gestellt - die „Markenanpreisung der geplanten ,Pixar’-Schau“. Die Ausstellung läuft, und man darf sich selbst davon überzeugen, wie es aussieht, wenn eine Bundeskunsthalle ihr Haus der Firmenwerbung öffnet. Siebzehn Stationen hat „Pixar“ schon hinter sich, initiiert wurde die Museumstour von Elyse Klaidman, Direktorin der „Pixar University and Archives“. Ein Blockbuster. Günstig für die Häuser, ein Coup für Pixar.

          Die Anlage und Ausrichtung der Schau zeugen von Geschicklichkeit. Die Firma auratisiert die Produktion ihrer Filme nach dem Vorbild von Walt Disney, in dessen Team altmodische Künstler und Kunstgewerbler ihre Handschrift beitrugen. Die Firma, die in Bonn ausstellt, hat alles erreicht, die Menschen lieben ihre Filme, sie haben den Animationsfilm revolutioniert, eine neue Ästhetik des Digitalen zum Kanon gemacht und viele widerlegt, die sagten, sie könne sich nie gegen die Haptik des analogen Zeichentrickfilms durchsetzen.

          Ohne nur einen einzigen Computer

          Die Ausstellung nun will dem illusionistischen Glanz des Digitalen eine Note hinzufügen, die sie eigentlich gar nicht besitzt: die Aura des Unikats. Die charakteristische kühle, brillante Oberfläche der computergenerierten Filme soll durch die Imago der Identifikationsfigur „Künstler“ angereichert werden, die sich heute mehr denn je vermarkten, also zu Geld machen lässt - und immer noch Unsterblichkeit verspricht. Wir bekommen zu diesem Zweck Pseudo-Memorabilia einer als klassisch inspiriert gedachten Produktionsweise zu sehen: Digitale Storyboards, die abgezogen und gehängt sind wie vor dem Licht zu schützende Renaissance-Zeichnungen - in einer Höhe, dass die Kinder ihre Mühe haben und ungeduldig am Ärmel der Eltern zupfen.

          Digitale Gemälde, die auf Leinwände gedruckt wurden, Skulpturen auf hohen Sockeln, die wie Meisterstücke eines anstrengenden Handwerks präsentiert werden, strahlen die neue Pixar-Botschaft aus: Bloß nicht berühren, wertvoll! Was ist das Ziel? Der Firma soll ihre digitale Unnahbarkeit genommen werden, den Zeichnern (soll man sie so nennen?) von Pixar ein Künstlerstatus verliehen werden. Die museale Präsentation kann man sich auch damit erklären, dass die Zeichenblätter Wert erlangen sollen, wie Comic-Unikate. Dabei sind es nur Schemata, die dem Computer zum Abtasten der Proportionen dienen.

          Doch kein einziger Computer ist zu sehen. Keine einzige Taste wird bedient. Wer erwartet, dass die Produktion, die vielen kleinen Mitarbeiter im unüberschaubaren Computergetriebe vorgestellt würden, man ihnen über die Schulter in den Rechner schauen darf, der wird enttäuscht. Stattdessen ist die Hauptattraktion ein Zoetrop, eine Jahrmarktattraktion aus dem neunzehnten Jahrhundert: Durch eine Scheibe betrachtet der Zuschauer Figuren aus dem Pixar-Film „Toy Story“.

          Sie stehen auf einer runden Scheibe, die sich langsam zu bewegen beginnt, immer schneller wird, bis schließlich die Einzelfiguren in einer flüssigen Bewegung aufgehen und die Illusion von Lebendigkeit vermitteln. Gewiss, ein Erlebnis. Ausgerechnet hier beginnt man vom „Pixar“-Phänomen zu träumen: von ausgelassen lachenden Menschen mit großen Popcorntüten im Kinosessel, entspannt und glücklich über so viel Sorglosigkeit. Mit Pixar hat das Zoetrop aber so wenig zu tun wie ein handgeknöpfter Pullover mit Massenproduktion in Indien.

          Unvertraut mit der digitalen Materie

          Bietet die digitale Produktion keine eigenen Arbeitsspuren mit Schauwert? Pixars größte Leistung ist doch, dass ein seelenloser Computer durchaus fähig ist, emotionale und bewegende Geschichten zu erzählen. Doch im Vergleich mit dem hier Gebotenen bietet der Photoshop-Zauberstab am heimischen Computer mehr Überraschungen. Wir sehen eine Ausstellung, die nur ein Programm verfolgt: Waren zu erzeugen, mit ungeheurer kommerzieller Dynamik, die am Ende in einem Shop für Pixar-Erinnerungsstücke ihren Höhepunkt erreicht.

          Die Bundeskunsthalle kann da nur verlieren. Im Museum sind Kuratoren eigentlich dazu da, das Begreifen von Zusammenhängen zu erleichtern, Dinge, Geschehnisse einzuordnen. Es ist dringend an der Zeit, dass Themen aus der Welt der digitalen Techniken von den Museen kenntnisreich und kritisch aufgegriffen und eingeordnet werden. Das dürfen sie nicht den Marketingabteilungen der Firmen selbst überlassen, nur weil sie als Museen mit der Materie noch unvertraut sind.

          Es gibt Ausstellungen, die gesellschaftlich relevante Themen anregend und kenntnisreich vermitteln, wie die „Klimakapsel“-Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe oder manche Ausstellung im Hygiene-Museum in Dresden. Auch Filmpraxis lässt sich, wie das Frankfurter Filmmuseum mit seiner Schau zum „Film Noir“ gezeigt hat, erhellend einbetten. Die neuesten Bildwelten sind nicht dunkler als die klassischen - man kann und muss dahinterschauen.

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