https://www.faz.net/-gqz-6z9y5

Pipilotti Rist in Mannheim : Die Überwältigungsmaschine

  • -Aktualisiert am

Bisweilen kann man in ihrer Kunst Platz nehmen, gemütlich sind ihre Installationen deswegen nicht: Pipilotti Rists „Augapfelmassage“ in der Kunsthalle Mannheim.

          3 Min.

          Die Kunst von Pipilotti Rist hat ein Problem. Sie war einmal eine Pionierleistung, als das Medium Video noch eine erste MTV-Generation in Ekstase versetzte, als der Musikclip noch an Zauberei grenzte und wir noch nicht mit 3D-Brillen im Kino saßen. Pipilotti Rists Single-Channel-Videos aus den Achtzigern hatten etwas Verwegenes, ihr späteres Œuvre ist allerdings gnostischer Körperkram, der jetzt in der (durchaus klug kuratierten) Retrospektive mit dem passenden Namen „Augapfelmassage“ in der Kunsthalle Mannheim seinen esoterischen Höhepunkt findet, und gipfelt im Versenkungsraum „Lungenflügel“ von 2009. Die Ausstellung breitet sich über das gesamte Museum aus bis auf die Toilette, hinaus auf den Balkon und vor das Haus.

          „Gemütliche Plätze für dürstende Seelen“ nennt Rist ihre Orte. Der Besucher setzt oder legt sich im „Lungenflügel“ auf den Boden, gemütlich gebettet auf Kissen in Form von Hosen-Unterleibern. Auf riesenhaften Leinwänden ringsherum sieht er rote Tulpen im Wind, fühlt sich wie ein Maulwurf im Feld. Eine rothaarige Frau gräbt in der Erde, ein Schwein verspeist auf einer idyllischen Wiese Äpfel. Eine „Oase kollektiven Innehaltens“ steht im Begleitheft. Dieser Ort aber ist eine reine Überwältigungsmaschine, in die man geschoben wird, die nach dem Verlassen das flirrende Gefühl auf den Pupillen hinterlässt, zu lange in einem knatschfarbenen Oiliy-Shop der neunziger Jahre verweilt zu sein. Es dauert eine Weile, dann klingen die Bilder ab. Es bleibt wenig zurück.

          Und trotzdem - wer so hartnäckig seine Themen verfolgt wie diese Künstlerin, verdient Aufmerksamkeit: Wer also ist Pipilotti Rist, die so unbeirrt gegen den Konzeptstrom der Gegenwartskunst anschwimmt? Rist wurde 1962 als Elisabeth Charlotte Rist geboren, nannte sich dann in Verbundenheit zur Astrid-Lindgren-Figur „Pipilotti Langstrumpf“ selbst in Pipilotti um. Die Ausstellungsmacher schreiben über sie: „Mit ihren humorvollen und subversiven Arbeiten unterläuft die Künstlerin gesellschaftliche Tabus und stellt gängige Denk- und Rollenmuster auf den Prüfstand.“ Das klingt nach bekannten Ausweichsätzen, weil man sonst Entspannungskunst diagnostizieren müsste. Oder? Ihre Themen sind auch mal drastisch. Das Wagnis, Tabus wie Monatsblutungen, die an Beinen herablaufen, oder der Blick in einen After, „Mutaflor“ von 1996, in Angriff zu nehmen, hat eine Unbeschwertheit an sich, die man ihr zugutehalten möchte.

          Unter den Unterhosen ihrer Freunde

          Was aber steht auf dem Prüfstand? Ihre Kunst hat ihren Ursprung in einer Zeit, als man noch dachte, von nun an würden nur noch Fotografien entstehen, auf denen die Leute mit Photoshop-Sprühdosen wilde Malerei veranstalten. Das strenge Motiv sei passé. Auch der optische Zoom verschwand zunächst, weil man dachte, die Menschen würden nun selbst ihre Ausschnitte am Computer wählen. Doch nichts davon passierte. Diesem Stil des wilden, selbstbespiegelnden Herumgewurstels der achtziger Jahre ist Pipilotti Rist treu geblieben; der Zeit, in der man noch glaubte, wenn man Videoprojektionen auf den Körper des Besuchers strahlt, würde er hineingezogen in das Geschehen, in die „Erfahrung des Moments“. Heute denkt man, sieht man derlei, nurmehr: nette Animation. Ein aus weißen Vintage-Unterhosen ihrer Freunde zusammengesetzter Leuchter hängt zum Beispiel über dem Besucher, auf den ihre üblichen rot-bunten Verwischungen projiziert sind.

          Pipilotti Rist selbst sieht das Medium Video als Handtasche, in dem Raum für alles ist· „Gemälde, Technologie, Sprache, Musik, Bewegung, lausige fließende Bilder, Poesie, Aufregung, Warnungen vor Tod, Sex und Freundlichkeit“. Der Tisch ist also reich gedeckt und doch verlässt man hinterher das Museum hungrig. Lieber, als den Ristschen Strategien zu folgen, möchte man in die Rolle der Frau in „Ever Is Over All“ von 1997 schlüpfen: Im blauen Kleid läuft sie selig lächelnd mit einer Fackellilie in der Hand einen Bürgersteig entlang.

          Menschen passieren sie, schauen die strahlende Frau an, während sie die Blume anhebt und in die Scheibe eines stehenden Autos schmettert. Das Zerbersten des Glases ist metallisch, künstlich und krachend. Als hätten nur Vögel hübsch gezwitschert, läuft sie aber weiter, schwebt, schreitet bis zum nächsten Auto, hebt wieder die Blume an und: Knall. Die Blume, das eigentlich so unendlich zarte Gewächs, ist ein beinharter Schlagstock. Flowerpowergewalt, an der man sich nach dieser Ausstellung nur zu gerne beteiligen würde - nach so viel buntem Schwirrsinn.

          Weitere Themen

          In einer Zeit böser Vorahnungen

          Krimi von Robert McCammon : In einer Zeit böser Vorahnungen

          Zwischen Westernhelden und untoten Hunden: Robert McCammon hat mit „Boy’s Life“ einen Coming-of-Age-Krimi geschrieben, der erzählerisch völlig aus dem Ruder läuft – und dabei bestens unterhält.

          Topmeldungen

          Burak Yilmaz (32), Pädagoge, im Zentrum für Erinnerungskultur, Menschenrechte und Demokratie in Duisburg

          Junge Migranten : Was gehört zu Deutschland?

          Das Dirndl? Die Shisha-Pfeife? Die Juden? Junge Migranten aus Duisburg sprechen mit einem Sozialarbeiter über Identität und Geschichte. Und warum der Holocaust zur Diskussion über heutige Werte führt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.