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Pierre Huyghe in Paris : Katastrophal schön

  • -Aktualisiert am

Ein Krebs zieht in eine versunkene Skulptur ein, Hunde haben plötzlich rosafarbene Beine: Eine spektakuläre Ausstellung im Centre Pompidou zeigt das Werk des Pariser Künstlers Pierre Huyghe - und erklärt, was Kunst mit Animismus zu tun hat.

          5 Min.

          Im Juni vor einem Jahr, an einem verregneten Frühsommertag, sah man tief in den Kassler Karlsauen ein seltsames Tier hinter einem Wall verschwinden: es war schmal und weiß und hatte Ohren, die wie ein Radar in verschiedene Richtungen zu lauschen schienen, eines seiner Beine (man sah es, als das Tier hinter dem Wall hervorsprang und durch ein fiederblättriges Gestrüpp pirschte) leuchtete rosa aus dem dunklen Unterholz hervor. Näherte man sich dem seltsam rehhaften Wesen, hörte man ein Brummen, das immer lauter wurde: Hinter dem Wall lag, hingestreckt auf eine matschige Lichtung, die Skulptur einer nackten Frau. Sie trug einen Bienenstock auf dem Kopf, als sei er ein Helm.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Tiere summten dort heraus und hinein, es war, als habe die kalte Plastik sich am Kopf erhitzt und, wie in der Legende von Pygmalion, das Kunstwerk lebendig werden lassen. Es stellte sich dann heraus, dass das fabelhafte Wesen mit dem rosafarbenen Bein ein Hund, ein spanischer Podenco war, der mit seinem Pfleger in diesem Zaubergarten, einem Kunstwerk des französischen Künstlers Pierre Huyghe wohnte.

          Beide, die Frau mit dem Kopf aus Bienen und der Hund, sind jetzt in der Ausstellung zu sehen, die das Centre Pompidou Huyghes Werk widmet - und der Hund ist nicht das einzige lebende Tier in der Ausstellung: In einem großen Aquarium liegt, umtanzt von einem Ballett eleganter Seespinnen, ein Kopf: eine Skulptur, die an Constantin Brancusis bronzene „Schlafende Muse“ von 1910 erinnert. Ein Kopf ohne Körper ist immer etwas Unheimliches, auch hier: plötzlich bewegt sich dieser Kopf; rote, dürre Beinchen greifen aus seinem Inneren heraus, der Kopf zittert, als wolle das Gehirn ihn durch einen Hinterausgang verlassen, dann wandert der Kopf, immer noch umtanzt von den Seespinnen, auf einen Felsbrocken hinauf: Im Inneren der Skulptur wohnt ein Einsiedlerkrebs. Die Natur erweckt die Kunst zu einem unvorhersehbaren Leben.

          Menschliche Feste, pflanzliche Darstellung

          Die fadendünnen, elektroschlanken, fast durchsichtigen Spinnen tanzen währenddessen mit scheinbar aufgerissenen Augen wie außerirdische Ballerinen im Wasser umher; kein Mensch, denkt man, kann so tanzen. Jenseits dieser unerwarteten Schönheit fragt man sich angesichts des seltsam animistisch wirkenden, offenbar zu echtem Leben erwachten, jetzt wandernden Kopfes aber schnell, ob das mitreißende Schauspiel nur durch einen Akt von ausgetüftelter Tierquälerei möglich wird: Will der Krebs in einem Brancusi-Kopf wohnen? Mag der rosafarbene Hund sein buntes Bein? Ist Huyghes Werk eine avanciertere Version der Küchenschaben, die in Mexiko mit Farben bemalt, mit Strasssteinen beklebt und als lebendiges Spielzeug an Kinder verkauft werden?

          Huyghe, 1962 in Paris geboren, gilt vielen als der wichtigste französische Künstler seiner Generation. Bekannt wurde er mit Filmarbeiten, in denen es um Formen der Wahrnehmung und Realitätsebenen ging; in einem seiner frühen Werke, „Dubbing“ von 1996, erfuhr man vom eigentlichen Film nur über die Untertitel und die Reaktionen der gefilmten Zuschauer etwas. 1999 kaufte er mit dem Künstler Philippe Parreno zusammen die Rechte an einer Manga-Figur namens Ann-Lee und bat befreundete Künstler, das Kunstwesen zu aktivieren. In Huyghes späteren Arbeiten ging es oft um den kulturellen Symbolwert von Natur: Sein „Salon de fêtes“ war eine kreisförmige Anpflanzung verschiedenster Gewächse, und es dauerte ein wenig, bis man den Sinn der Anlage verstand: Es gab Rosen für den Valentinstag im Februar, einen japanischen Kirschbaum für das Hanami-Blütenfest im März, einen Kürbis für Halloween, einen Tannenbaum für Weihnachten: Die Feste der Menschen, von Pflanzen dargestellt, eine Arche Noah rituell wichtiger Gewächse.

          Surrealismus mit echten Tieren

          Vieles in Huyhes Werk erinnert auf den ersten Blick an traditionelle französische Naturbeherrschungsexzesse, an die Gartenkunst eines André le Nôtre, an die gebändigte und durch den Wolf der Geometrie gedrehte Natur von Versailles, wo Bäume die Form von Wänden, Quadraten und Kegeln anzunehmen hatten, weil struppiger Wildwuchs nichts für das Auge eines allgestaltenden Königs war. Ein Krebs, der in eine Skulptur einzuziehen hat, ein eingefärbter Hund, der wie ein anarchischer Vetter der zartblaugetönten Pariser Pudel wirkt und als punkartig exzentrisches Tier durch die Straßen von Paris geführt wird, ein nur scheinbar wildbepflanzter Hügel als Wiedergänger von le Nôtres „Bosquet des Sources“ in Versailles: Es scheint, als gehe es bei Huyghe um eine Apotheose extremer Künstlichkeit, um späten Surrealismus mit echten Tieren, und auch darum, der Natur seine persönliche Vorstellung von Ästhetik und Form aufzuzwingen. Aber das Gegenteil ist der Fall.

          Der Auftritt lebendiger Tiere in der Gegenwartskunst hat eine längere Geschichte - nicht nur in den Ausstellungen der vergangenen Jahre, wo man bei Karsten Höller lebende Rentiere und bei Damien Hirst herumflatternde Schmetterlinge im Museum antraf. Für seine Aktion „I like America and America likes Me“ sperrte Joseph Beuys sich im Mai 1974 ein paar Tage mit einem Kojoten in einer New Yorker Galerie ein - der deutsche Künstler wollte dem „amerikanischen Trauma“ nachspüren; das verängstigte Tier hatte in dieser Performance gewissermaßen als lebende Allegorie die spirituellen Energien der nordamerikanischen Indianer zu repräsentieren.

          Adept des Animismus

          Die Aktion war eine der trübseligsten der deutschen Nachkriegskunst; schaut man heute die Filmaufnahmen an, sieht man einen Mann, der sich 1941 freiwillig zur Luftwaffe gemeldet hatte und nun, als allseits gefeierter schamanischer Künstler, auf eine unangenehm selbstgerechte Weise den Amerikanern etwas über ihre Traumata beibringen möchte - sowie ein ängstliches Tier, das die Verlierer des amerikanischen Traums darzustellen hat. Sind bei Huyghe die Tiere auch nur lebendiges Material obskurer ästhetischer Konzepte? Biologen wie Gerhard Scholtz, Professor für Vergleichende Zoologie in Berlin, erklären, dass sich, anders als Beuys’ Kojote in der Galerie, der Einsiedlerkrebs im Nachbau des Brancusi-Gesichts durchaus wohlfühlen kann; man erlebe es oft, dass ein Einsiedlerkrebs eine mit dem Treibgut angeschwemmte Plastikdose einer Muschel vorziehe. Ebenso seien die tanzenden Fabelwesen artgerecht gehalten.

          Huyghes Überführung der sonderbar schönen Spinnenwesen in die Kunst, wo sie als ästhetische Phänomene sichtbar werden, legt eine Fährte in die Welt des Animismus. Der Begriff geistert seit einigen Jahren durch die Philosophie und in geisteswissenschaftlichen Kongressen herum und sickert wie alles aus dieser Richtung verlässlich auch in die Kunst ein. Animismus als Anthropozentrismuskritik, verstanden im Sinne von Michel Serres’ „Naturvertrag“, stellt darauf ab, dass nichtmenschliche Lebewesen ebenfalls hochsensible Kommunikationsformen entwickelt haben, für ästhetische Reize empfänglich sind und Objekte herstellen, woraus die Forderung erwächst, den anthropozentristischen Blick auf Kunst, Objekte und Welt aufzugeben und eine gelassenere und respektvollere Perspektive einzunehmen, wobei sich unter dem Banner des Animismus sehr unterschiedliche, teils reichlich esoterische Gruppen tummeln: eine Fraktion möchte nur Tieren, eine andere auch Bäumen und sogar Steinen zu ihrem Recht verhelfen.

          Ambivalente Deutungsmuster

          Huyghes Werk wirkt wie ein Echo dieser Diskurse. Wo genau verläuft die Grenze von Menschlichem und Nichtmenschlichem, Kunst und Natur, Leben und bloßer Materie, Realität und Trompe l’œil, Objekt und Subjekt, wie wirkt die Belebungsenergie eines Werks: Von diesen Fragen handeln seine Arbeiten, und oft übernimmt dort, wo einmal der Mensch und sein Blick dominierten, die Welt der Tiere: unter den Bienen verschwindet der Mensch wie ein Gesicht im Sand; eine andere Lebensform, die Dinge produziert und bewohnbare Strukturen errichtet, nistet sich über den Augen des Menschen ein; ein Tier wohnt im Kopf.

          Der neuere Animismus kennt keine Metaphysik, nur die unmittelbare Natur, die sich in Naturgesetzen und -ereignissen, in Erosion, Schwarmbildung oder Besiedlungen und Metamorphosen von Formen zeigt. Anders als in Beuys’ kojotischer Schamanie geht es in Huyghes Arbeiten nicht um symbolische Verweise in ein spirituelles Jenseits, sondern um die Intensivierung des Hierseins. Alle Werke haben starke physische Effekte: Der Hügel in Kassel war mit Gewächsen bepflanzt, die einen guten oder schädlichen, in jedem Fall aber starken Effekt auf Gehirn oder Geschlecht des Menschen haben. Für eine andere Arbeit fuhr eine Eiskunstläuferin abstrakte Formen auf eine schwarze Eislaufbahn; in der Ausstellung liegt das Werk wie ein Pollock on Ice, man spürt die Kälte und hört vom Band das schneidend scharfe Geräusch der Schlittschuhe.

          Die Kälte, die Schärfe, der Schock des wandernden Kopfes, das grelle, fast pinkfarbene Bein: Immer geht es um Bilder, die sich einbrennen, den heftigen Effekt. Immer entstehen Bilder von einer katastrophalen Schönheit: Der Hund mit dem rosafarbenen Bein, der Krebs im Kopf, die fast unsichtbaren Tanzspinnen könnten Vorboten einer Zukunftswelt voller aparter Fabelwesen sein - aber ebenso gut auch die Folge eines nuklearen Fallouts oder das Ergebnis fehlgeschlagener genetischer Experimente. Huyghes Kunst lässt diese Frage offen. In den Werken läuft die schockhafte Ästhetik des Surrealismus zusammen mit den zukunftsfrohen utopischen Landschaften der Moderne und den Schreckensbildern einer genmanipulierten, vollendet künstlichen Natur. In diesem Zwischenraum von Schönheit und Monstrosität liegt vielleicht ihre Aktualität.

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