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Pierre Huyghe in Paris : Katastrophal schön

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Huyghes Überführung der sonderbar schönen Spinnenwesen in die Kunst, wo sie als ästhetische Phänomene sichtbar werden, legt eine Fährte in die Welt des Animismus. Der Begriff geistert seit einigen Jahren durch die Philosophie und in geisteswissenschaftlichen Kongressen herum und sickert wie alles aus dieser Richtung verlässlich auch in die Kunst ein. Animismus als Anthropozentrismuskritik, verstanden im Sinne von Michel Serres’ „Naturvertrag“, stellt darauf ab, dass nichtmenschliche Lebewesen ebenfalls hochsensible Kommunikationsformen entwickelt haben, für ästhetische Reize empfänglich sind und Objekte herstellen, woraus die Forderung erwächst, den anthropozentristischen Blick auf Kunst, Objekte und Welt aufzugeben und eine gelassenere und respektvollere Perspektive einzunehmen, wobei sich unter dem Banner des Animismus sehr unterschiedliche, teils reichlich esoterische Gruppen tummeln: eine Fraktion möchte nur Tieren, eine andere auch Bäumen und sogar Steinen zu ihrem Recht verhelfen.

Ambivalente Deutungsmuster

Huyghes Werk wirkt wie ein Echo dieser Diskurse. Wo genau verläuft die Grenze von Menschlichem und Nichtmenschlichem, Kunst und Natur, Leben und bloßer Materie, Realität und Trompe l’œil, Objekt und Subjekt, wie wirkt die Belebungsenergie eines Werks: Von diesen Fragen handeln seine Arbeiten, und oft übernimmt dort, wo einmal der Mensch und sein Blick dominierten, die Welt der Tiere: unter den Bienen verschwindet der Mensch wie ein Gesicht im Sand; eine andere Lebensform, die Dinge produziert und bewohnbare Strukturen errichtet, nistet sich über den Augen des Menschen ein; ein Tier wohnt im Kopf.

Der neuere Animismus kennt keine Metaphysik, nur die unmittelbare Natur, die sich in Naturgesetzen und -ereignissen, in Erosion, Schwarmbildung oder Besiedlungen und Metamorphosen von Formen zeigt. Anders als in Beuys’ kojotischer Schamanie geht es in Huyghes Arbeiten nicht um symbolische Verweise in ein spirituelles Jenseits, sondern um die Intensivierung des Hierseins. Alle Werke haben starke physische Effekte: Der Hügel in Kassel war mit Gewächsen bepflanzt, die einen guten oder schädlichen, in jedem Fall aber starken Effekt auf Gehirn oder Geschlecht des Menschen haben. Für eine andere Arbeit fuhr eine Eiskunstläuferin abstrakte Formen auf eine schwarze Eislaufbahn; in der Ausstellung liegt das Werk wie ein Pollock on Ice, man spürt die Kälte und hört vom Band das schneidend scharfe Geräusch der Schlittschuhe.

Die Kälte, die Schärfe, der Schock des wandernden Kopfes, das grelle, fast pinkfarbene Bein: Immer geht es um Bilder, die sich einbrennen, den heftigen Effekt. Immer entstehen Bilder von einer katastrophalen Schönheit: Der Hund mit dem rosafarbenen Bein, der Krebs im Kopf, die fast unsichtbaren Tanzspinnen könnten Vorboten einer Zukunftswelt voller aparter Fabelwesen sein - aber ebenso gut auch die Folge eines nuklearen Fallouts oder das Ergebnis fehlgeschlagener genetischer Experimente. Huyghes Kunst lässt diese Frage offen. In den Werken läuft die schockhafte Ästhetik des Surrealismus zusammen mit den zukunftsfrohen utopischen Landschaften der Moderne und den Schreckensbildern einer genmanipulierten, vollendet künstlichen Natur. In diesem Zwischenraum von Schönheit und Monstrosität liegt vielleicht ihre Aktualität.

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