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Pierre Huyghe in Paris : Katastrophal schön

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Huyghe, 1962 in Paris geboren, gilt vielen als der wichtigste französische Künstler seiner Generation. Bekannt wurde er mit Filmarbeiten, in denen es um Formen der Wahrnehmung und Realitätsebenen ging; in einem seiner frühen Werke, „Dubbing“ von 1996, erfuhr man vom eigentlichen Film nur über die Untertitel und die Reaktionen der gefilmten Zuschauer etwas. 1999 kaufte er mit dem Künstler Philippe Parreno zusammen die Rechte an einer Manga-Figur namens Ann-Lee und bat befreundete Künstler, das Kunstwesen zu aktivieren. In Huyghes späteren Arbeiten ging es oft um den kulturellen Symbolwert von Natur: Sein „Salon de fêtes“ war eine kreisförmige Anpflanzung verschiedenster Gewächse, und es dauerte ein wenig, bis man den Sinn der Anlage verstand: Es gab Rosen für den Valentinstag im Februar, einen japanischen Kirschbaum für das Hanami-Blütenfest im März, einen Kürbis für Halloween, einen Tannenbaum für Weihnachten: Die Feste der Menschen, von Pflanzen dargestellt, eine Arche Noah rituell wichtiger Gewächse.

Surrealismus mit echten Tieren

Vieles in Huyhes Werk erinnert auf den ersten Blick an traditionelle französische Naturbeherrschungsexzesse, an die Gartenkunst eines André le Nôtre, an die gebändigte und durch den Wolf der Geometrie gedrehte Natur von Versailles, wo Bäume die Form von Wänden, Quadraten und Kegeln anzunehmen hatten, weil struppiger Wildwuchs nichts für das Auge eines allgestaltenden Königs war. Ein Krebs, der in eine Skulptur einzuziehen hat, ein eingefärbter Hund, der wie ein anarchischer Vetter der zartblaugetönten Pariser Pudel wirkt und als punkartig exzentrisches Tier durch die Straßen von Paris geführt wird, ein nur scheinbar wildbepflanzter Hügel als Wiedergänger von le Nôtres „Bosquet des Sources“ in Versailles: Es scheint, als gehe es bei Huyghe um eine Apotheose extremer Künstlichkeit, um späten Surrealismus mit echten Tieren, und auch darum, der Natur seine persönliche Vorstellung von Ästhetik und Form aufzuzwingen. Aber das Gegenteil ist der Fall.

Der Auftritt lebendiger Tiere in der Gegenwartskunst hat eine längere Geschichte - nicht nur in den Ausstellungen der vergangenen Jahre, wo man bei Karsten Höller lebende Rentiere und bei Damien Hirst herumflatternde Schmetterlinge im Museum antraf. Für seine Aktion „I like America and America likes Me“ sperrte Joseph Beuys sich im Mai 1974 ein paar Tage mit einem Kojoten in einer New Yorker Galerie ein - der deutsche Künstler wollte dem „amerikanischen Trauma“ nachspüren; das verängstigte Tier hatte in dieser Performance gewissermaßen als lebende Allegorie die spirituellen Energien der nordamerikanischen Indianer zu repräsentieren.

Adept des Animismus

Die Aktion war eine der trübseligsten der deutschen Nachkriegskunst; schaut man heute die Filmaufnahmen an, sieht man einen Mann, der sich 1941 freiwillig zur Luftwaffe gemeldet hatte und nun, als allseits gefeierter schamanischer Künstler, auf eine unangenehm selbstgerechte Weise den Amerikanern etwas über ihre Traumata beibringen möchte - sowie ein ängstliches Tier, das die Verlierer des amerikanischen Traums darzustellen hat. Sind bei Huyghe die Tiere auch nur lebendiges Material obskurer ästhetischer Konzepte? Biologen wie Gerhard Scholtz, Professor für Vergleichende Zoologie in Berlin, erklären, dass sich, anders als Beuys’ Kojote in der Galerie, der Einsiedlerkrebs im Nachbau des Brancusi-Gesichts durchaus wohlfühlen kann; man erlebe es oft, dass ein Einsiedlerkrebs eine mit dem Treibgut angeschwemmte Plastikdose einer Muschel vorziehe. Ebenso seien die tanzenden Fabelwesen artgerecht gehalten.

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