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„Pictoplasma“ : Charaktervolle Anhänger richtiger Lebenskunst

„Pictoplasma“ heißt eine in Berlin gegründete Gruppe, in der sich Vertreter des jungen Berufs der Figurendesigner sammeln. Ein Kongreß entließ die drolligen Geschöpfe aus Internet, Film, Plakat und Fernsehen nun ins wirkliche Leben.

          Als Rebekka aus dem völlig überfüllten Saal im Haus der Berliner Festspiele tritt, hat sie eine Bierflasche in der Hand. Aber das fällt kaum weiter auf, denn Rebekka ist ein Wesen, dessen ganzer Körper aus schwarzen Plastikschlaufen besteht, durch die am Kopf zwei weiße Kulleraugen durchschimmern. In Rebekka steckt eine Tänzerin, und sie hat gerade eine Stunde lang im Scheinwerferlicht ihre Plastikschlaufen geschüttelt, sie ist gesprungen, hat sich auf dem Boden gewälzt und getanzt - zusammen mit einem halben Dutzend Kollegen in ähnlichen Kostümen aus Kunststoff, Plüsch, Pappmaché und Textilien. Es muß unsagbar heiß gewesen sein, und doch führt die Akteurin die Rolle von Rebekka konsequent weiter und verbirgt die Flasche in dem Wust aus Schlaufen, damit niemand sieht, daß sie ihren höchst menschlichen Durst zu löschen hat.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          „Get Into Character“ heißt die einstündige Vorstellung, die Rebekka zusammen mit ihren Mitstreitern Gordo, Boy, Fred, Jean, Bimbo und den drei Petits Bonhommes absolviert hat: frei übersetzt, „Schlüpf in die Rolle“ oder auch „Beschäftige dich mit Figuren“ - die Doppeldeutigkeit ist durchaus erwünscht. Die Vorstellung ist Höhepunkt und Abschluß der zweiten Pictoplasma-Konferenz, die vier Tage lang Berlin zum Mekka eines Berufszweigs gemacht hat, der sich mit der Entwicklung von Figuren befaßt. Eine genaue Bezeichnung für diese Beschäftigung gibt es nicht, sie wird ausgeübt von Trickfilmern und Werbegraphikern, von bildenden Künstlern und Programmierern, von Designern und Ausstellungsmachern. Pictoplasma, eine 1999 in Berlin gegründete Gruppe von Illustratoren, hat sich zum Ziel gesetzt, dieser disparaten Gemeinschaft ein Forum zu geben - um all die neuen Figuren vorzustellen, die durch Internet, Film, Plakat und Fernsehen in unser Leben treten.

          Berlin hat das Ereignis nicht recht bemerkt

          Zu diesem Zweck gibt Pictoplasma Bücher heraus, in denen sich Figurenentwürfe aus aller Welt finden. Es gibt eine DVD mit Kurzfilmen, die neue Figuren vorstellen, man organisiert Ausstellungen und seit zwei Jahren auch die Pictoplasma-Konferenz, zu der diesmal rund tausend Teilnehmer angereist sind, die wenigsten davon aus Deutschland. Pictoplasma genießt in Amerika und Asien größere Bekanntheit als in der Heimat, und Berlin hat in seiner ästhetischen Selbstverliebtheit einmal mehr nicht recht bemerkt, was für ein Ereignis sich da abgespielt hat. Aber Rebekka und all die anderen Figuren sind auch nicht so vehement ins Stadtbild eingedrungen, wie man das erhoffen mochte.

          Vielleicht hat man sich zu sehr auf die Vorführung konzentriert und dabei den Grundgedanken des ganzen Vorhabens „Get Into Character“, das auch der Konferenz den Namen gab, ein wenig aus den Augen verloren. Denn ursprünglich war vorgesehen, die Grenzen zwischen der wirklichen Welt der Menschen und der virtuellen Welt der Figuren einzureißen. Im Winter 2006 wurde auf der Homepage von Pictoplasma ein „Waisenhaus“ eröffnet: Auf wie Ultraschallaufnahmen gestalteten Bildern waren noch ungeborene Figuren zu sehen, die von Interessenten für jeweils dreihundert Euro adoptiert werden konnten, um dann als reale Wesen aufzutreten. Rebekka, Gordo und die anderen fanden solche Adoptiveltern, und im Mai trafen sich die Figuren zum ersten Mal in Halle beim Festival „Comic Meets Theater“, um in öffentlichen Proben gemeinsam an der Choreographie für ihren Berliner Auftritt zu arbeiten.

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