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Picasso-Gemälde : Die Schätze des Monsieur Le Guennec

Ein französischer Elektriker möchte 271 Werke von Picasso verkaufen, die ihm der Künstler und seine Frau geschenkt haben sollen. Wer soll das in Zeiten der Kunstmarkt-Skandale glauben? Die Erben des Künstlers haben Anzeige erstattet.

          Der Mann hat gute Nerven. Das ist das Einzige, was man mit Sicherheit über den einundsiebzigjährigen Elektriker Pierre Le Guennec aus dem südfranzösischen Mouans-Sartoux sagen kann – denn man muss sehr gute Nerven haben, um ausgerechnet jetzt 271 bisher unbekannte oder verschollen geglaubte Werke von Picasso in den Kunstmarkt zu bringen. Zuletzt häuften sich die unglaublichsten Meldungen, und nach diversen Skandalen ist der internationale Handel so misstrauisch wie selten zuvor: Ein Betrüger, der sich als Reichsgraf ausgab, hatte versucht, rund tausend gefälschte Skulpturen des Schweizer Künstlers Alberto Giacometti an Interessenten zu verkaufen – zu Preisen, die bis in den zweistelligen Millionenbereich gingen (siehe Die Gangster von Mainz: LKA stellt über tausend gefälschte Giacometti-Skulpturen sicher).

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Kaum hatte sich die Verwunderung über dieses tolldreiste Unterfangen etwas gelegt, flog die Affäre Jägers auf. Zwei Schwestern behaupteten, sie hätten die Bilder geerbt von ihrem Großvater, dem angeblichen Kunstsammler Werner Jägers, von dessen Sammlung niemand etwas wusste, was in einer so kommunikationsfreudigen Kunstszene wie der des Rheinlands fast undenkbar ist. Weil aber vor allem die Auktionshäuser, die an diesen „Funden“ Millionen verdienten, die dubiose Geschichte zu gern glauben wollten, stellte sich erst spät heraus, dass es Herrn Jägers zwar gab – nur eben nicht als Sammler, und dass ein Großteil seiner „Sammlung“ vermutlich vom Gatten der Enkelin in liebevoller Heimarbeit zusammengepinselt und patiniert wurde; die Ermittlungen dauern noch an (siehe Das Schweigen der Fälscher: Wie geht es weiter im Kunstfälschungsskandal um die Sammlung Jägers?).

          Der schenkende Picasso

          Und jetzt, wo der Zweifel an außergewöhnlichen Entdeckungen in der Kunstwelt so groß ist wie selten, sollen wir folgende Geschichte glauben: Anfang der siebziger Jahre hat der Elektriker Pierre Le Guennec in Picassos Villa „La Californie“, im Chateau Vauvenargues und im Haus in Mougins Alarmanlagen installiert. Als Dank hätten Picasso und seine Frau ihm die Arbeiten vermacht – immerhin 271 Stück, wenn man die Blätter eines Skizzenbuchs als eigene Arbeiten zählt, aber auch neun kubistische Kollagen von 1912, die als verschollen galten, dazu Lithographien, ein Aquarell der blauen Periode, Gouachen ...

          Ein bisschen viel als Gegenleistung für ein paar ordentlich installierte Alarmanlagen. Andererseits ist Picassos ungeheure Produktivität bekannt; wenn bei Vermeer ein Handwerker behauptet hätte, der Meister habe ihm hundert Bilder als Lohn für einen Schrank überlassen, hätte man gewusst, dass da einer lügt – aber bei Picasso ... Le Guennec jedenfalls hütete den Schatz, dessen Wert „Le Monde“ auf rund achtzig Millionen Euro schätzt, fast vier Jahrzehnte lang, ging seinem Beruf weiter nach und wandte sich erst in diesem Jahr, nach zwei schweren Operationen, an Picassos Sohn Claude, der sich als Nachlassverwalter um das Werk seines Vaters kümmert, mit der Bitte, Echtheitszertifikate für fünfundneunzig Arbeiten auszustellen.

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