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Picasso-Ausstellung in Potsdam : Der Mensch ist nur einmal alt

  • -Aktualisiert am

Das Potsdamer Barberini Museum zeigt eine Auswahl aus Picassos Spätwerk und benennt auch die Probleme, die viele mit diesem haben. Doch die Trennung zwischen dem Leben und den Werken des Künstlers ist offensichtlich.

          Im Sommer 1952 lernt der siebzigjährige Pablo Picasso eine über vierzig Jahre jüngere Keramikverkäuferin namens Jacqueline Roque kennen. Wenn ein Text zum Spätwerk von Picasso mit einem solchen Satz beginnt, reagiert die gegenwärtige Kunstgeschichtsschreibung allergisch, denn er deutet darauf hin, dass man das Werk des Künstlers einmal mehr aus seiner Biographie deuten möchte.

          Heute halten die meisten das für einen Irrweg, denn, so lautet die Begründung, das reale Leben eines Künstlers sei für die Deutung seiner Werke erstens nur dann von Belang, wenn es sich tatsächlich auf deren Gestaltung auswirkt, und zweitens solle man sich, wenn das der Fall ist, nur an das halten, was an den Werken selbst ablesbar ist. Alles andere wäre unbeweisbare Spekulation.

          Im Gegensatz zu dieser durchaus einleuchtenden Maxime wird das Werk von Picasso aber selbst von führenden Experten immer wieder in ein Verhältnis zu seinen jeweiligen Lebensumständen gesetzt. Es gibt sogar Versuche, verschiedene Schaffensperioden nach der Chronologie seiner Liebesbeziehungen abzugrenzen.

          Picasso malte Jaqueline nie realistisch

          Bei Georges Braque, seinem Mitstreiter aus der glorreichen Zeit des Kubismus, käme niemand auf eine solche Idee. Der Grund ist klar: Anders als bei vielen anderen war ein zentrales Thema für Picassos Kunst letztlich sein eigenes Leben. Große Teile seines Œuvres sind schon als solche autobiographisch. Das gilt auch für das Spätwerk. Deshalb kann man Picassos Beziehung zu Jacqueline, die 1961 seine zweite Ehefrau wurde, einfach nicht ignorieren. Aus ihrer Sammlung stammen 136 Leihgaben, die derzeit im Barberini Museum in Potsdam zu sehen sind. Hier kommt die methodische Trennung von Leben und Werk dann aber doch wieder zum Zug, denn vom wirklichen Leben ist in diesen Exponaten nichts zu finden.

          Von den insgesamt über vierhundert Porträts, die Picasso von Jacqueline malte, zeigt kein einziges die reale Person. Alle diese Bilder sind Visionen einer Frau, die nur auf der Leinwand Gestalt annimmt. Das wohl berühmteste zeigt eine schöne junge Frau mit großen Augen und einem langen Schwanenhals, inszeniert wie in einer Reklame für teure Armbanduhren. Das Bild, das schon bald nach seiner Entstehung ähnlich populär wurde wie das kurz zuvor gemalte Konterfei der Sylvette David, ist auf einer Stellwand mit zwei später entstandenen Bildern desselben Formats vereint.

          Neigung zu abstrakten Darstellungen

          Eines zeigt eine weit weniger idealisierte Jacqueline mit einer verwirrend gemusterten Bluse und einem in Grautönen gemalten Kopf, der zum Vexierbild wird, weil man darin einerseits ein schräg nach vorne blickendes Gesicht mit zwei Augen erkennt, andererseits aber, sobald man sich das eine Auge wegdenkt, auch ein klares Profil: ein doppeltes Antlitz, das man so ähnlich auch in zwei Dutzend weiteren Porträts findet.

          Das mittlere der drei Gemälde zeigt dann den Maler höchstpersönlich in einem Selbstbildnis als unrasierter alter Zausel mit blau-weiß gestreiftem Hemd und roten Hosenträgern. Verkleidet als harmloser Zuschauer sitzt er zwischen zwei Versionen derselben Frau, die eine bis ins Kitschige erhöht, die andere reduziert auf elastische Knetmasse.

          Beide Darstellungsweisen hat Picasso schon früh entwickelt, und auch ansonsten beruht sein Spätwerk auf einem gesicherten Repertoire von Kunstgriffen, denen er keine nennenswerten Neuerungen mehr hinzufügen muss. Schon in den Demoiselles d’Avignon von 1906 sieht man Augen in frontaler Ansicht, obgleich das Gesicht zur Seite schaut, und Nasen, die auch dann seitlich gezeigt werden, wenn sich das Gesicht frontal ausrichtet.

          Seine Routine wurde zum Problem

          Picassos Vorliebe für die Dreieckskomposition wird hier ebenfalls schon deutlich, wie auch seine lebenslange Neigung, mit dem Pinsel lieber Linien zu ziehen, als ihn zur Modulation von Farbflächen zu verwenden. Auch seinen scharfen Blick, den man in seinem Geburtsort Malaga mirada fuerte nennt, behält Picasso bis ins hohe Alter. Er bringt der Legende zufolge die Frauen dazu, sich von allen Seiten gleichzeitig zu zeigen.

          Als über Siebzigjähriger verfügt Picasso über eine Routine, die keine Probleme mehr fürchten muss. Doch gerade das kann seinerseits zum Problem werden. Was einem gar zu leicht von der Hand geht, kann auch im Resultat leicht an Gewicht verlieren. Kunst, bemerkte schon Nestroy, ist, wenn man’s nicht kann, denn wenn man’s kann, ist es ja keine Kunst.

          Zum Beweis muss man sich nur den Film „Le Mystère Picasso“ von Henri-Georges Clouzot aus dem Jahre 1956 anschauen. Darin sieht man den Maler beim Malen. Man bemerkt, wie schnell er sich manchmal zu seinen geläufigen Figurationen hinreißen lässt: Tauben, Stiere, Palmen, Gesichter. Häufig ahnt man schon, was er als Nächstes machen wird, und dann beschleicht einen das Gefühl, der Performance eines algorithmisch gesteuerten Programms beizuwohnen.

          Eindrucksvolle Komposition der Ausstellung

          Der klugen kuratorischen Auswahl ist es zu danken, dass die Ausstellung einen anderen Eindruck hinterlässt. Dass Picasso sich selbst wiederholt, erscheint nicht als Erstarrung, sondern als Ausdruck seiner unermüdlichen Vitalität. Auch die kommt naturgemäß irgendwann an ihr Ende.

          Es ist berührend, das zu sehen, wenn man den letzten Raum betritt. Dort hängt, dem Eingang gegenüber, das Bild eines Mannes. Mit leeren Händen steht er da. Nur einen dünnen Stab hat er in seiner rechten Hand. Der Kopf, der sich nach links dreht, hält seine Augen gerade noch beisammen. Sie blicken uns an – und sind deswegen außerstande, das große Bild zu sehen, das auf die rechte Wand gehängt wurde.

          Es ist das seltsamste der ganzen Ausstellung. Dem Titel nach zeigt es „Figuren“, ist aber, für Picasso ganz ungewöhnlich, eine nahezu abstrakte Komposition in Schwarz und Weiß und übermaltem Blau. Auf der Leinwand kleben dünne Scheiben einer undefinierbaren Substanz. Alles Imaginäre flieht aus diesem Bild, und übrig bleibt nur rohe, widerspenstige Materie, weder Frau noch Friedenstaube, nur klebrige, amorphe Masse ohne Sinn und Bedeutung, eine obszöne Existenz, die durch nichts zu rechtfertigen ist.

          Dem Katalog kann man dazu entnehmen, was man bisher noch nicht wusste: Picasso hatte dieses Bild offenbar erneut auf die Staffelei gestellt, weil er noch etwas daran ändern wollte, bevor es aber dazu kam, starb er am 8. April 1973 in seinem einundneunzigsten Lebensjahr.

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