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Picasso-Ausstellung in Potsdam : Der Mensch ist nur einmal alt

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Da war er fünfundsiebzig: Picassos matissehaft-sonniges Interieur mit Modell und Staffelei nebst Palme auf „La Californie“, 1956 Bild: Succession Picasso/VG Bild-Kunst

Das Potsdamer Barberini Museum zeigt eine Auswahl aus Picassos Spätwerk und benennt auch die Probleme, die viele mit diesem haben. Doch die Trennung zwischen dem Leben und den Werken des Künstlers ist offensichtlich.

          Im Sommer 1952 lernt der siebzigjährige Pablo Picasso eine über vierzig Jahre jüngere Keramikverkäuferin namens Jacqueline Roque kennen. Wenn ein Text zum Spätwerk von Picasso mit einem solchen Satz beginnt, reagiert die gegenwärtige Kunstgeschichtsschreibung allergisch, denn er deutet darauf hin, dass man das Werk des Künstlers einmal mehr aus seiner Biographie deuten möchte.

          Heute halten die meisten das für einen Irrweg, denn, so lautet die Begründung, das reale Leben eines Künstlers sei für die Deutung seiner Werke erstens nur dann von Belang, wenn es sich tatsächlich auf deren Gestaltung auswirkt, und zweitens solle man sich, wenn das der Fall ist, nur an das halten, was an den Werken selbst ablesbar ist. Alles andere wäre unbeweisbare Spekulation.

          Im Gegensatz zu dieser durchaus einleuchtenden Maxime wird das Werk von Picasso aber selbst von führenden Experten immer wieder in ein Verhältnis zu seinen jeweiligen Lebensumständen gesetzt. Es gibt sogar Versuche, verschiedene Schaffensperioden nach der Chronologie seiner Liebesbeziehungen abzugrenzen.

          Picasso malte Jaqueline nie realistisch

          Bei Georges Braque, seinem Mitstreiter aus der glorreichen Zeit des Kubismus, käme niemand auf eine solche Idee. Der Grund ist klar: Anders als bei vielen anderen war ein zentrales Thema für Picassos Kunst letztlich sein eigenes Leben. Große Teile seines Œuvres sind schon als solche autobiographisch. Das gilt auch für das Spätwerk. Deshalb kann man Picassos Beziehung zu Jacqueline, die 1961 seine zweite Ehefrau wurde, einfach nicht ignorieren. Aus ihrer Sammlung stammen 136 Leihgaben, die derzeit im Barberini Museum in Potsdam zu sehen sind. Hier kommt die methodische Trennung von Leben und Werk dann aber doch wieder zum Zug, denn vom wirklichen Leben ist in diesen Exponaten nichts zu finden.

          Von den insgesamt über vierhundert Porträts, die Picasso von Jacqueline malte, zeigt kein einziges die reale Person. Alle diese Bilder sind Visionen einer Frau, die nur auf der Leinwand Gestalt annimmt. Das wohl berühmteste zeigt eine schöne junge Frau mit großen Augen und einem langen Schwanenhals, inszeniert wie in einer Reklame für teure Armbanduhren. Das Bild, das schon bald nach seiner Entstehung ähnlich populär wurde wie das kurz zuvor gemalte Konterfei der Sylvette David, ist auf einer Stellwand mit zwei später entstandenen Bildern desselben Formats vereint.

          Neigung zu abstrakten Darstellungen

          Eines zeigt eine weit weniger idealisierte Jacqueline mit einer verwirrend gemusterten Bluse und einem in Grautönen gemalten Kopf, der zum Vexierbild wird, weil man darin einerseits ein schräg nach vorne blickendes Gesicht mit zwei Augen erkennt, andererseits aber, sobald man sich das eine Auge wegdenkt, auch ein klares Profil: ein doppeltes Antlitz, das man so ähnlich auch in zwei Dutzend weiteren Porträts findet.

          Das mittlere der drei Gemälde zeigt dann den Maler höchstpersönlich in einem Selbstbildnis als unrasierter alter Zausel mit blau-weiß gestreiftem Hemd und roten Hosenträgern. Verkleidet als harmloser Zuschauer sitzt er zwischen zwei Versionen derselben Frau, die eine bis ins Kitschige erhöht, die andere reduziert auf elastische Knetmasse.

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