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Philipp Demandt im Gespräch : „An Frankfurt führt kein Weg vorbei“

Viel Sympathie sei ihm entgegengeschlagen: Philipp Demandt leitet künftig Schirn, Städel und Liebighaus. Bild: Wolfgang Eilmes

Philipp Demandt kommt aus Berlin und freut sich auf Frankfurt. Sein Weg hierher war kein üblicher, aber einer, der ihm die vielfältigsten Kenntnisse vermittelt hat. Die will er nutzen.

          9 Min.

          Wie fühlen Sie sich hier in Frankfurt, Herr Demandt?

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Jürgen Kaube

          Ach, ich fühle mich sehr gut, ich fühle mich sehr willkommen, vor allen Dingen. Es schlägt einem viel Sympathie entgegen und Vorfreude. Das erlebe ich in der Stadt und im Team. Als ich jetzt vom Flughafen hierherfuhr, hatte ich einen palästinensischen Taxifahrer, der seit 35 Jahren in Frankfurt lebt, und der hat ungefragt eine Lobeshymne auf Frankfurt gesungen. Er kriegte sich gar nicht wieder ein: Er verstehe die Menschen gar nicht, die auf Frankfurt schimpfen. Was Frankfurt doch alles habe! Und das alles hat er mir aufgezählt. Ich habe mit Erleichterung festgestellt, dass auch die Museen in dieser Aufzählung vorgekommen sind. Natürlich erst nach dem Wetter, den Hochhäusern, dem Zoo, dem Main und dem Wein.

          Ist denn der Übergang von dem Museum, von dem Sie kommen, zu den Häusern hier – zum Städel, zu dem Liebieghaus und der Schirn Kunsthalle – so etwas wie ein Genrewechsel?

          Eigentlich nicht, und das ist, glaube ich, auch einer der Gründe, warum ich mich so gut fühle. Ich komme ja aus der Alten Nationalgalerie, die wiederum Teil der Nationalgalerie ist, die wiederum Teil der Staatlichen Museen zu Berlin ist, die wiederum Teil der Stiftung Preußischer Kulturbesitz sind – und das ist die größte Kulturstiftung Europas. Das kriegen Sie, wenn Sie dort arbeiten, auch unbedingt mit. Also bin ich seit fünf Jahren gewohnt, in komplexen Räumen denken und agieren zu müssen. Das heißt, man hatte nicht nur diesen von außen monolithisch wirkenden Tempel auf der Museumsinsel, den man leitet, sondern man war Teil eines riesigen Museumsgebildes, und in Berlin ist natürlich immer auch alles sehr politisch. Ich sehe das jetzt aber nicht als einen Genrewechsel. Was ich eher sehe, ist eine strukturelle Veränderung. Ich habe das Gefühl, dass die Strukturen in Frankfurt so sind, dass man anders agieren kann – agiler, schneller ist. Die Taktung ist eine andere, das merkt man. Das habe ich allein schon in den vergangenen Wochen gemerkt, in der Kommunikation, in der Art des Zuarbeitens, in der Art der Projekte, die jetzt kommen. Außerdem ist mir natürlich dieses Denken über die Grenzen eines einzelnen Hauses hinaus seit vielen Jahren sehr vertraut.

          Wie hat man denn von der Alten Nationalgalerie in Berlin aus auf das Städel nach Frankfurt geblickt?

          Das ist eine komplexe Frage. Nun ja, an Frankfurt führt kein Weg vorbei. Was in Frankfurt passiert – in jeder Hinsicht –, das wird national wie international sehr stark wahrgenommen. Das kriegen Sie allein schon dadurch mit, dass Ihnen eben gefühlt jede Woche eine Einladung zu einer Ausstellung auf den Tisch flattert, die sich dann allein schon grafisch und optisch und von der Haptik her völlig abhebt von dem, was sonst so kommt. Die Wahrnehmung war unbedingt, dass es ein sehr dynamischer Prozess ist, der hier vonstattengeht. 

          Sie waren einige Jahre lang Dezernent bei der Kulturstiftung der Länder, dort auch zuständig für die Unterstützung der deutschen Museen bei der Anschaffung von Kunstwerken. Sind diese Kenntnisse aus dem „Maschinenraum“ hilfreich?

          Dass mir aus der Kulturstiftung der Länder heraus die Alte Nationalgalerie angeboten wurde, war eine ziemliche Wendung meines Berufslebens, weil ich eben nicht diesen klassischen Weg eines Museumsleiters hatte. Es wurde dann relativ schnell klar, dass man in der Kulturstiftung der Länder sehr viel an Erfahrung sammelt, die man in einem Museum gut brauchen kann, vor allen Dingen als Leiter. Weil man in der Kulturstiftung der Länder mit vielen Bereichen auf Tuchfühlung kommt, die einem als junger Wissenschaftler sonst verschlossen bleiben. Das ist der Kunsthandel, das Auktionswesen, das Gutachterwesen, die Provenienzforschung, die Zustandsproblematiken – sämtliche Erwerbungsfragen eben. Man fährt auf alle großen Kunstmessen, zu den großen Auktionen. Man kennt die Sammelstrategien der kleinen Häuser genauso wie die der großen Häuser. Und die Suche nach Geld war eine der Hauptaufgaben. Weil die Kulturstiftung der Länder immer nur anteilig finanziert, muss man ständig Finanzierungskoalitionen finden. Also habe ich, glaube ich, in diesen zehn Jahren in der Kulturstiftung der Länder fast jedes Museum in Deutschland besucht. Und all diese Erfahrungen sind sehr hilfreich.

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