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Philipp Demandt im Gespräch : „An Frankfurt führt kein Weg vorbei“

Wobei etwa die Schirn Kunsthalle eben nicht nur als ein Ort der Gegenwartskunst gilt, sondern über alle Zeiten hin bespielbar ist ...

Diesen Anspruch hat Max Hollein einmal formuliert, als er ganz klar sagte, dass es nicht nur um gegenwärtige, sondern auch um ältere Kunst geht. Entscheidend ist aber der zeitgenössische Blick. Es geht im Grunde genommen darum, auch die gesellschaftliche Verortung von Kunst sichtbar zu machen. Und das ist etwas, was mich besonders freut. Weil ich von meinem eigenen Forschungsansatz her immer sehr in die Mentalitätsgeschichte, in die Gesellschaftsgeschichte, in die Religionsgeschichte, in die Politikwissenschaft gegangen bin. Kunst ist immer auch Ausdruck von etwas außerhalb des Kunstwerks. Die Schirn ist ein phantastischer Ort, um solche Dinge zu machen, auch in Zukunft.

Stichwort Blockbuster, beliebt oder nicht. Sie haben ja in Berlin Ausstellungen gemacht, die nicht auf den ersten Blick Blockbuster waren. Doch dann standen die Leute ums Haus Schlange, um „Impressionismus – Expressionismus. Kunstwende“ zu sehen oder die Tierplastiken von Rembrandt Bugatti. Man kann also auch auf diese Weise ein großes Publikum gewinnen ...

... das hängt natürlich auch mit der jeweiligen Sammlung zusammen. Es wird zwar immer wieder betont, dass die eigene Sammlung das Fundament eines Museums ist, dass alle Ausstellungen aus der eigenen Sammlung heraus zu entwickeln sind. Das fällt aber in manchen Museen leichter, in anderen Museen schwerer. In der Alten Nationalgalerie gibt es die sehr spezifische Situation, dass das Haus von allen maßgeblichen Künstlern des neunzehnten Jahrhunderts in der Regel richtige Werkgruppen besitzt. Und das hat eben „Impressionismus – Expressionismus“ so einfach gemacht, weil man sechzig Prozent der Werke aus dem eigenen Bestand zeigen konnte.

Aber wichtig war auch dabei wieder der neue Blick, aus der Gegenwart heraus?

Es war auch dieser Blick, ja. Zum einen ist es das vorhandene Fundament, zum anderen ist es der Blick auf diese Werke. Ich denke, dass die Mischung das Entscheidende ist – dass man neue Entdeckungen präsentiert und auch das Altgeliebte präsentiert; die Balance muss stimmen. Ich muss aber auch ehrlich sagen, dass ich das sehr gut finde, dass Frankfurt sich traut, wenigstens einmal im Jahr so richtig einen der big names zu präsentieren. Das machen immer weniger Museen. Das hat nicht nur finanzielle Gründe, sondern natürlich auch konzeptuelle. Ich denke, man kann immer mit einem frischen Blick auf ein Œuvre versuchen, es neu zu beleuchten, andere Facetten eines Themas zu finden. Außerdem kommen neue Generationen nach, und wenn man einen Künstler zehn, fünfzehn Jahre lang nicht mehr gezeigt hat, dann kann man das gut wieder machen. Ich fürchte mich überhaupt nicht vor Blockbustern, also vor erfolgreichen Ausstellungen. Und es muss auch mal Ausstellungen geben, die fürs Herz sind, das finde ich wichtig.

Was ist das – eine Ausstellung fürs Herz?

Das ist so: Ich habe einmal eine Ausstellung gesehen – ich sage jetzt nicht, welche –, die war bestückt mit den feinsten Leihgaben, den besten Sachen, die man sich überhaupt nur wünschen kann. Es ging um Deutschland in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Es war alles da, was man sehen möchte, Kirchner und Schad und Grosz und Beckmann, und das Besucher-Buch, das ich durchgeblättert habe, war voll von den wunderbarsten Kommentaren. Doch eine Person – ein Mann oder eine Frau, in einer etwas kugeligen Schrift – hatte reingeschrieben: „Ich wünsche mir eigentlich auch mal wieder eine fröhliche Ausstellung.“ So. Das habe ich fotografiert, weil es mich berührt hat. Ich bin weit davon entfernt, nur fröhliche Ausstellungen machen zu wollen. Aber ich finde es einen völlig legitimen Wunsch.

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