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Philipp Demandt im Gespräch : „An Frankfurt führt kein Weg vorbei“

Demandt und Kulturdezernentin Ina Hartwig auf der Pressekonferenz im Städel Museum.
Demandt und Kulturdezernentin Ina Hartwig auf der Pressekonferenz im Städel Museum. : Bild: dpa

Wenn Sie sagen, dass Sie Frankfurt als so hochfrequent erlebt haben mit den vielen Einladungskarten, wie müssen wir uns das dann zeitlich vorstellen? Können Sie relativ schnell mit eigenen Dingen anfangen, oder haben Sie jetzt noch eine kleine Schonzeit, in der Dinge laufen, die bereits angeschoben sind?

Museen planen im Idealfall sehr weit im Voraus: die Anfragen der Leihgaben, die Finanzierung, die Kataloge, die sehr aufwendig sind. Das heißt, es gibt für 2017 und 2018 zum Glück schon umfangreiche Planungen für alle drei Häuser. Ich kann also jetzt erst einmal zumindest einige Wochen in Nachdenken investieren. Solche Häuser muss man auch wirklich erst in Ruhe kennenlernen. „Hoppla, jetzt komm ich!“ ist die völlig falsche Herangehensweise. Museen sind hochkomplexe Gebilde aus Architekturen, aus Sammlungen, aus Teams, aus Gesellschaften, aus Stadtgesellschaften. Man tut wirklich gut daran, am Anfang hinzugucken und hinzuhören, bevor man mit eigenen Ideen kommt, und die diskutiert man idealerweise erst mal im Team. Man will ja auch möglichst alle mitnehmen. Natürlich hat man auch schon Ideen im Kopf. 

Eine sehr klassische Frage: Was ist für Sie die vorrangige Aufgabe im Umgang mit einem Museum?

Sie besteht darin, einfach immer daran zu denken, was die Kernaufgaben eines Museums sind – nämlich Sammeln, Bewahren, Forschen, Vermitteln. Und ich denke auch, dass sich diesen Kernaufgaben eigentlich alle anderen Sachen so ein bisschen anzupassen haben. Deshalb bin ich ein großer Freund dieser digitalen Erweiterung, wenn sie dazu dient, den eigentlichen Auftrag des Museums nach außen zu tragen oder zu unterstützen und sogar zu stärken. Und es gibt noch andere Dinge: Ich finde, die Atmosphäre in einem Museum ist ganz wichtig, denn Bilder anschauen kann man überall. Es muss einen Grund geben, warum man in ein Museum geht, es muss ein Ort sein, wo man gerne hingeht. Deswegen habe ich in der Nationalgalerie auch sehr viel Zeit investiert in solche Fragen: Wie sieht ein Gebäude aus? Wie ist ein Garten gestaltet? Wie stellt sich ein Haus im Inneren dar? Ich habe ja viele Freunde und Verwandte hier in der Stadt und in der Region, die sagen mir alle, sie gingen nicht zunächst in eine Ausstellung, weil sie das Thema interessiere, sondern weil die Ausstellung im Städel sei oder im Liebighaus oder in der Schirn. Das ist, glaube ich, die Art DNS, für die man wirklich weiter kämpfen muss, wenn man sie einmal erreicht hat. In den vergangenen Jahren ist sehr hart und sehr gut dafür gearbeitet worden, den drei Häusern diesen Ruf zu geben – und es ist schon Herausforderung genug, das Niveau zu halten.

Zumal es ja so ist, dass nach Frankfurt – im Unterschied zu Berlin oder München und Rom oder Florenz – nicht sehr viele Leute sowieso kommen und dann sagen: Jetzt nehmen wir noch das Museum mit, weil das ein wichtiges Haus ist. Sondern die Leute, die hier sind, sagen: Jetzt gehen wir ins Museum. Oder die Leute kommen eigens deswegen nach Frankfurt. In Berlin gibt es vermutlich doch relativ viele Leute, die einfach nebenbei ins Museum gehen.

Natürlich hat vor allen Dingen die Museumsinsel einen enormen Standortvorteil. Es ist aber auch so, dass Sie in Berlin unglaublich viele Dinge haben, die Sie tun können. Für den durchschnittlichen Berlin-Touristen konkurrieren die Museen mit dem KaDeWe, dem Berghain oder dem Schlachtensee. In Frankfurt kommt tatsächlich mehr als die Hälfte der Besucher des Städels aus der Region. Bei aller Internationalität, die uns wichtig ist, bei allem Anspruch auf Weltgeltung und Weltruhm müssen wir daran denken. Ich meine, das Städel ist, nicht zuletzt, auch ein Frankfurter Museum. Dabei habe ich festgestellt, dass das Publikum vielleicht ein bisschen trainiert durch diese letzten Jahre ist, sehr offen und bereit, sich Dinge anzuschauen, auch in den anderen Häusern.

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