https://www.faz.net/-gqz-7aa5k

Philip-Lorca diCorcia in der Frankfurter Schirn : Die Schönheit schlechter Nachrichten

Begonnen hat Philip-Lorca diCorcia, Jahrgang 1951, seine Karriere als Assistent eines Werbefotografen. Das war Ende der siebziger Jahre, als in der Fotografie so unterschiedliche Facetten des Mediums wie Reklame und Mode, Reportage und Kunst zu einem Stilmix verrührt wurden, der sich sehr schnell ebenso auf den Doppelseiten von Hochglanzmagazinen wie an den Wänden der großen Museen ausbreitete.

Wirklichkeit war damals alles, was sich fotografieren ließ. Der Wahrheit hingegen halfen die Fotografen erst mit ihren Bildkonzepten auf die Sprünge. Für diCorcia, der eigentlich Filmregisseur hatte werden wollen, war dies ein idealer Nährboden. Er arrangierte bis ins Detail Momente von narrativer Qualität, wie dem Kino entrissen.

Dass er dabei auf das große Spektakel würde verzichten können, bewies er schon mit seinem ersten Bild, “Mario, 1978“, das seinen Bruder vor einem offenen Kühlschrank zeigt. Zugleich steckte diCorcia mit dieser Aufnahme das Terrain seiner künftigen Arbeiten ab: schlichtes Umfeld, banale Szenen, Modelle aus dem Familienkreis - und eine Lichtregie, die das Motiv auf eine Weise verrätselt, dass man sich in einen Traum hineingezogen glaubt.

Alles ist gespenstisch präzis, hyperreal bis an die Grenze des Unheimlichen. Allein das kalte Licht aus dem Kühlschrank und das grüne Licht der farbverschobenen Küchenlampe schaffen ein Gefühl der Bedrohung, des Suspense. Das altmodische Wort Lichtbildner war selten passender als für den Fotokünstler diCorcia.

Zwanzig Jahre lang nahm er solche Szenen auf, im Schlafzimmer und im Bad, vor dem Haus, in Parks und auf der Straße, teils privat, teils im Auftrag für Modestrecken oder Magazine, bevor er sie zu dem verstörenden Bildband „A Storybook Life“ zusammenstellte, einer fiktiven Biographie, die mit dem Bild seines Vaters auf einem Bett beginnt und mit einem Bild seines Vaters im Sarg endet.

Auch dieses Buch, dessen knapp achtzig Aufnahmen in der Schirn ausgestellt sind, lebt von Assoziationen, springt kreuz und quer durch ein Leben und bringt jedes Mal neue Geschichten ins Rollen. Es ist wie eine Reise gleichsam durch die Welt wie in die Seelen jener Figuren, die sich in Zeitlupe durch die Kulissen zu bewegen scheinen. Was diCorcia erzählt, ist das Ende des Heldenepos, die Verzweiflung des Menschen darüber, nichts ausrichten zu können.

Einzelne dieser Aufnahmen wiesen ihm zugleich den Weg zu seinen bekanntesten Bilderreihen, denen er bisweilen mit der Strenge eines Konzeptkünstlers über Jahre hinweg treu blieb und denen nun in der Schirn jeweils eigene Räume gewidmet sind - darunter „Hustler“ und „Streetwork“, die beiden Serien, die seinen Ruhm begründeten.

Hier unterwarf diCorcia reale Situationen auf der Straße seinem Stilwillen, indem er in den Straßen von Los Angeles und New York, Tokio, Hongkong und Mexiko-Stadt aufwendige Blitzanlagen aufbaute, seine Kamera aber versteckt hielt und unbemerkt aus der Ferne auslöste, wenn ihm die zufällige Choreographie des Passantengewühls bildwürdig erschien. Es entstanden Aufnahmen von surrealer Schönheit, auf denen die Menschen in teils grotesken Haltungen vorüberziehen. Aber irgendwann fährt dem Betrachter der Schreck in die Glieder bei dem Gedanken, der so naheliegt: alles Marionetten.

Weitere Themen

Topmeldungen

Die Spitzen der großen Koalition bei ihrem Treffen im Kanzleramt

Große Koalition : Union und SPD einigen sich bei Grundsteuer

Die Spitzen der großen Koalition haben bei der Reform der Grundsteuer einen Kompromiss erzielt. Das Gesetz soll nach monatelangem Streit noch vor der Sommerpause im Bundestag beraten werden.

TV-Duell für Tory-Vorsitz : „Wo ist Boris?”

In einer lebendigen Debatte stellen die Kandidaten für den Vorsitz bei den britischen Konservativen unter Beweis, wie groß das Arsenal präsentabler Politiker der Tory-Partei noch ist. Boris Johnson bleibt der Runde fern – und ein anderer sticht heraus.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.