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Pflanzen im Zollamt : Ökosystem der amerikanischen Südstaaten

Die Künstlerin Precious Okoyomon lässt es im Frankfurter Zollamt wuchern. Sie sind nicht Deko, sondern Hauptobjekt der Ausstellung „Earthseed“, die die Geschichte der Pflanze Kudzu erzählt.

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          Es gibt Ausstellungen, die trotz ihres metabolischen Ausgewuchertseins Klarheit schaffen. Die Schau „Earthseed“ der Künstlerin Precious Okoyomon ist ein Beispiel dafür. In der großen, von wenigen Klinkerpfeilern getragenen Halle des ehemaligen Frankfurter Zollamts, die man durch einen Vorhang aus braunen Stofflianen betritt, ist fast der gesamte Boden annähernd einen Meter hoch von einem grünblättrigen Gewächs mit kleinen weißen Blüten überwuchert. Etwas abgerückt von den durchfensterten Wänden, schlängeln sich Wege aus festgetretenem, aber noch weich federndem Humus durch das hüfthohe Dickicht und münden am Ende des Raums ineinander.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Instinktiv sucht man die Machete für diesen schwülen Dschungel, der nach Erdreich und Pflanze riecht, da er seit dem Lockdown im März den Raum überwuchert. Aber auch die groben, von safranfarbenen Stricken umwickelten sechs Puppen aus mit Dreck und Staub getränkter brauner Baumwolle dünsten einen starken Geruch aus. Sie stehen mit ihren Holzarmen wie eine Mischung aus Vogelscheuche und Voodoo-Puppe in den saftgrünen Feldern, die beim Durchschreiten der Wege wie ein grüner Vorhang sofort hinter einem zuzuschlagen scheinen.

          Zweiter, instinktiver Eindruck: Hat nicht ein Biologe behauptet, ein menschenleeres und der Natur überlassenes Frankfurt würde binnen gut eines Jahres wie ein Urwald zukrauten? Ein solches Wuchern ginge definitiv vom Zollamtsraum des Museums aus. Dieses augenscheinlich überbordend fruchtbare Gewächs braucht keine Zuschauer – es würde auch ohne uns sein alles überdeckendes Werk immer weiter fortsetzen.

          „Die Pflanze, die den Süden fraß“

          Aber um was für eine unheimliche Pflanze handelt es sich hier, und seit wann verlässt Natur im Museum die Stillleben und Landschaftsdarstellungen als angestammtes Habitat, um die Museumsräume selbst zu besiedeln? Ihr Name ist Kudzu. Doch das japanische Gewächs ist weniger mit Fernost als mit der amerikanischen Geschichte verwachsen. Denn nicht erst in den späten zwanziger Jahren war in den Vereinigten Staaten die Erosion auf den Feldern lebensbedrohlich geworden. Durch den exzessiven Baumwollanbau im Süden war die Verwehung des Humus bereits in den 1870er Jahren derart eklatant, dass die Mehrzahl der nutzbaren Böden verlorenzugehen drohte. 1876 führte Washington daher Kudzu, eine in Japan heimische Kletterpflanze, im Mississippigebiet ein. Bekannt für ihre rasante Ausbreitung, wurde sie eingesetzt, um den Boden durch das Wurzelgeflecht zu halten.

          Kudzu als Neophyt, als Pflanzenart also, die nicht in einer geographischen Region heimisch ist, die erst in jüngster Geschichte eingeführt wurde und die in der neuen Heimat keine natürlichen Fressfeinde hatte, wandelte sich aber zu einer eminenten Bedrohung der amerikanischen Flora: Alle Felder wurden binnen kurzem von ihr überwuchert und die endemischen Konkurrenten dadurch vertrieben, was Kudzu den Beinamen „Die Pflanze, die den Süden fraß“ bescherte. Ihr Anbau ist heute unter Strafe gestellt, die Einfuhr in die Vereinigten Staaten streng verboten, aber noch immer überwuchert Kudzu riesige Flächen in den Südstaaten.

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