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Pferdekopf von Waldgirmes : Wer ritt auf diesem prachtvoll aufgezäumten Ross?

Der in einem Brunnen bei Waldgirmes gefundene antike Pferdekopf ist nicht nur wegen seines Erhaltungszustands eine archäologischen Sensation. Viel spricht dafür, dass er zu einer Reiterstatue des Kaisers Augustus gehört. Und auch auch über seinen Fundort gibt er neue Aufschlüsse.

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          Cicero nannte sie „maximus honos“, höchste Ehrung: die Aufstellung der Reiterstatue eines Römers. Deshalb kamen nur die höchsten Würdenträger oder Kriegsherrn in den Genuss dieser Auszeichnung. Wen stellte also die lebensgroße vergoldete Bronzestatue dar, die im befestigten Römerlager von Waldgirmes gestanden hat, als es im Jahr 9 nach Christus von den Germanen zerstört wurde? Genau zweitausend Jahre später, am 12. August, wurden in einem römischen Holzbrunnen in elf Meter Tiefe ein komplett erhaltener Pferdekopf und der Schuh eines Reiters gefunden. Heute wurden diese beiden Stücke in Frankfurt von der hessischen Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann der Öffentlichkeit vorgestellt. Sie sprach von einer archäologischen Sensation. Sie hat recht.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Über das Lager im heutigen Lahn-Dill-Kreis unweit von Wetzlar weiß man bislang so viel: Angelegt wurde es kurz vor der Zeitenwende im Zuge der römischen Eroberungszüge in Germanien. Im Jahr 8 vor Christus hatte Augustus in einer symbolischen Handlung das Land jenseits des Rheins dem Römischen Reich zugeschlagen, doch diesen Anspruch galt es militärisch erst noch durchzusetzen. Dazu errichteten die Römer Militärlager. Sie dienten als Winterstützpunkte der Armeen und sollten Keimzellen römischen Lebens in der neuen Provinz Germania sein.

          Die Zierplatte spricht für den Kaiser

          Natürlich liegt die Vermutung nahe, dass das Reiterstandbild von Waldgirmes Kaiser Augustus selbst dargestellt hat. Ein ebenso großes Vorbild dafür stand in Rom auf dem prominentesten Platz der Stadt: dem Forum, und es war gleichsam aus vergoldeter Bronze. Diese Plastik stammte noch aus der Zeit vor Übernahme der Kaiserwürde durch Octavian, der sich danach Augustus nannte. Wie sämtliche Statuen des Forums mit Ausnahme des später auf den Kapitolsplatz versetzten überlebensgroßen Reiterstandbilds von Kaiser Marc Aurel ist der bronzene Octavian verloren. Möglicherweise hat man es aber bei den Fragmenten von Waldgirmes mit einer Replik zu tun. Die Sorgfalt der Ausgestaltung des Pferdekopfes mit dem reichen Zaumzeug spricht dafür. Die mehr als 160 Jahre später entstandene Plastik des Marc Aurel weist ähnliches Zaumzeug auf, allerdings in weniger detailreicher Ausführung.

          Auch der Oberkommandierende der römischen Armee am Rhein, Tiberius, oder der zur Zeitenwende bereits zum Nachfolger des Augustus proklamierte Gaius Caesar könnten prominent genug gewesen sein, um seinerzeit mit einer Reiterstatue geehrt zu werden. Dagegen indes spricht die auf der Stirn des Waldgirmeser Pferdekopfes befestigte Zierplatte des Zaumzeugs. Sie zeigt den Kriegsgott Mars. Augustus hatte nach vierzigjähriger Bauzeit im Jahr 2 vor Christus persönlich den Marstempel in Rom eingeweiht – alle anderen Zeremonien dieser Art ließ er längst von seinen Adoptivsöhnen durchführen. Doch den Kriegsgott betrachtete der Kaiser als seine persönliche Schutzgottheit, und so spricht das Schmuckelement der Reiterstatue für den Kaiser.

          Der Sockel fehlt

          Augustus war letztmals 8 vor Christus über die Alpen gezogen, damals nach Gallien. Die römischen Kriegszüge gegen die Germanen, die im Jahr 4 nach Christus wieder einsetzten, waren die ersten größeren Operationen, die der mittlerweile siebenundsechzigjährige Kaiser nicht mehr persönlich begeleitete. Vielleicht wurde deshalb stattdessen sein Bronzebildnis mitgeführt: in der Pose des Feldherrn auf seinem Pferd, geschmückt mit kriegerischen Attributen. In Germanien hätte die Aufstellung dieser Plastik eine Stellvertretung des Kaisers ausgedrückt, und es könnte auch sein, dass das Standbild in Waldgirmes nur zwischengelagert wurde, der ursprünglich vorgesehene Zielort also gar nicht erreicht war. Denn noch fehlt im hessischen Grabungsareal jede Spur des obligatorischen Sockels, woran man gemeinhin die Aufstellung von Reiterbildnissen erkennen kann – mehr als hundertfünfzig sind aus römischer Zeit erhalten.

          Das heute 3300 Einwohner umfassende Waldgirmes hofft natürlich darauf, selbst Aufstellungsort der Statue gewesen zu sein. In der Zeit bis zur endgültigen Verdrängung der Römer nach der Varusschlacht im Jahr 9 wurden von den Eroberern ganze Ketten von Kastellen in Germanien angelegt. Längst noch nicht alle derartigen Stützpunkte sind bekannt; das Lager in Waldgirmes wird zum Beispiel erst seit 1993 ergraben. Die jetzigen Funde lassen auf jeden Fall vermuten, dass es weit bedeutender war als ein normales Militärlager. Die Anlagen weisen Insula-Struktur, also städtische Züge auf.

          Ein Rätsel

          Da uns keine Quellenberichte bekannt sind, die solch aufwendige Kunstwerke wie Reiterstandbilder außerhalb bedeutender Städte dokumentieren, könnte sich Waldgirmes als langfristig konzipiertes Kolonisierungszentrum der Römer erweisen. Der antike Historiker Cassius Dio hielt zwei Jahrhunderte später für das Germanien zur Zeit der Varusschlacht fest: „Römische Soldaten lagen dort in Winterquartieren, und man begann eben mit der Anlage von Städten.“ Eine davon dürfte Waldgirmes gewesen sein, dessen lateinischen Namen man jedoch nicht kennt.

          Der Fund ist auch deshalb bedeutend, weil die Fragmente zweitausend Jahre lang unter Wasser lagen und so besonders gut erhalten sind – man kennt das Phänomen von der Bronzekriegern von Riace, die 1972 aus der Meerenge von Messina geborgen wurden. Warum aber das Reiterstandbild von Waldgirmes zerschlagen und danach im Brunnen versenkt wurde, ist ein Rätsel. Die Germanen waren nicht Barbaren genug, um zu verkennen, dass sie den Bronzeschatz auch gewinnreich hätten einzuschmelzen können. Man muss wohl auf weitere Funde in Waldgirmes hoffen.

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