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Fotografieausstellung : Sag beim Abschied weise servus

Wie aus der Welt des Edward Hopper: Die chinesische Schauspielerin Zhang Ziyi in einem Café in Florenz. Bild: Peter Lindbergh/Courtesy of Peter Lindbergh

Größer als das Leben: Hinter der überwältigenden Peter-Lindbergh-Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast öffnet sich ein weites Feld unendlicher Traurigkeit.

          4 Min.

          So ist Stoff, der später zur Legende vernäht wird: Zwei Jahre lang hatte der Fotograf Peter Lindbergh mit Zeichnungen, ausgedruckten Bildern und maßstabsgerechten Modellen am Entwurf seiner Düsseldorfer Ausstellung gefeilt. Als er am ersten Tag im September des vorigen Jahres seinem Assistenten erzählte, er sei fertig mit dem Entwurf, fertig bis ins letzte Detail, soll er einen sehr zufriedenen Eindruck gemacht haben. Dann starb er. Keine achtundvierzig Stunden später. Und nicht nur weil Peter Lindbergh während der Vorbereitungen die Formulierung benutzt hatte, es gehe um „Leben und Tod“, kann man nun gar nicht anders, als von der gestern Abend im Kunstpalast eröffneten Schau „Untold Stories“ als seinem Vermächtnis zu reden.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Und natürlich betrachtet man dann nicht allein die Auswahl der Motive unter diesem Gesichtspunkt, sondern obendrein die Präsentation, die so überwältigend ist, dass man im ersten von drei Sälen den Kopf einen Moment lang einzieht, bevor man ihn in den Nacken legt, um an den vier Wänden Aufnahmen abzutasten, die bis zu vier Meter breit und allesamt zweieinhalb Meter hoch sind, ein Bild am anderen, ansatzlos neben- und übereinander geklebt, so dass man nicht mehr von Fries sprechen kann und nicht von Installation sprechen will, sondern einem nur diese eine Vokabel durch den Kopf schwirrt: Überwältigungsarchitektur. Man begreift, dass man inmitten einer gigantischen Grabkammer steht. Nur dass hier nicht mit zarten Hieroglyphen die Essenz eines Pharaonenlebens erzählt wird, sondern gigantische Schwarzweißaufnahmen die Gedankenwelt eines Mode- und Porträtfotografen zum Vorschein bringen.

          Schöne Mädchen

          Peter Lindbergh war der Fotograf, der die Supermodels erfunden hat, indem er die schönsten und teuersten Mannequins der Welt aus dem Glamour des Rampenlichts der Laufstege riss und sie in die Wüsten Kaliforniens schleppte, in die Straßenschluchten Manhattans und in die Industriehallen des Ruhrgebiets. So machte er sie zu Super-Mädchen-von-nebenan, mit denen sich die jungen Leserinnen der Modemagazine viel leichter identifizieren konnten als mit Frauen, die in exaltierten Posen extravagante Entwürfe der Haute Couture präsentierten.

          Überwältigungsarchitektur im Kunstpalast: Bilder im Billboard Format.

          Die neue Generation von Modellen stand lässig in Lederjacken, T-Shirts oder zu groß geratenen Herrenhemden herum. Und hin und wieder durfte sie auch ganz auf Kleidung verzichten. Kaum dass George Michael die ganze Clique für sein Musikvideo „Freedom 1990“ engagierte, wurden sie zu Popstars. So konnte Lindbergh mit ihren lachenden und strahlenden und oft ungeschminkten Gesichtern die Lücken auf den Titelseiten der Modemagazine füllen, die entstanden waren, weil sich die Prominenz Hollywoods plötzlich in der Welt der Kunst bewegen wollte statt der des Klatsches. Und deshalb kannten bald selbst jene alle Supermodels beim Namen, die sich ihre eigene Kleidung vom Kaffeeröster aussuchen ließen.

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