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Peter Lindbergh in Berlin : Wer im Glashaus sitzt

Es gibt Pläne für ein neues Domizil des Berliner Fotografieforums. Derzeit hängen am alten Ort Modefotos von Peter Lindbergh, die den Zauber der Straße beschwören: Ein Puzzle aus Vorlieben und Obsessionen, Auftrags- und Gelegenheitsarbeiten.

          Der Monbijoupark gegenüber dem Berliner Bodemuseum hat schon bessere Zeiten gesehen. Früher stand hier ein Rokokoschlösschen, in dem preußische Königinnen und durchreisende russische Zaren logierten, dann diente das Anwesen als Museum der Hohenzollern-Dynastie, bis es im Zweiten Weltkrieg beschädigt und 1959 auf Beschluss des Magistrats von Ost-Berlin abgetragen wurde. Jetzt will das Fotografieforum C/O Berlin in den Park einziehen. Dafür müssten ein ehemaliger Bunker und ein paar Zweckbauten verschwinden, die von der Kunsthochschule Weißensee genutzt wurden und ohnedies zum Abriss vorgesehen sind.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Vor allem aber muss der Bebauungsplan geändert werden, der für das Areal eine Grünfläche vorsieht. An deren Stelle will C/O Berlin auf die Bunkerfundamente einen raffiniert geschachtelten Glasbau setzen, in dem Platz sein wird für neue Ausstellungsräume, Büros, eine Buchhandlung und ein Café. Es wäre die ideale Lösung für das Fotografieforum, das im kommenden Jahr aus seinem Quartier im ehemaligen Postfuhramt ausziehen muss. Das Haus wurde an einen Investor verkauft.

          Nicht jeder dürfte über den Vorschlag glücklich sein. So wirbt ein Bürgerverein seit langem für die Umgestaltung des mit vielerlei Kleinbauten zugestellten Geländes zum reinen Erholungspark. Auch der Baustadtrat des zuständigen Bezirks Mitte hat noch keine Zustimmung zu dem Projekt signalisiert. Dennoch geben sich die Verantwortlichen von C/O Berlin selbstbewusst, nicht zuletzt, weil ihr Haus die erklärte Sympathie des Regierenden Bürgermeisters genießt. Die Entwürfe des neuen Domizils im Monbijoupark waren in allen Berliner Tageszeitungen zu sehen, zu gleicher Zeit bemühte sich Klaus Wowereit, der in Personalunion Kultursenator ist, im Gespräch mit den Investoren im Postfuhramt um eine Verschiebung des Kündigungstermins. Gerade erst hat C/O Berlin seinen zehnten Geburtstag gefeiert. Länger braucht man nicht, um in Berlin eine Institution zu werden.

          Viel Dekolleté, manchmal auch in Farbe

          Eine Bekundung kuratorischen Selbstbewusstseins ist auch die Werkschau des Modefotografen Peter Lindbergh, die aktuelle Ausstellung im Postfuhramt. Kein Werk nämlich, sei es im chronologischen oder thematischen Sinn, ist hier zu sehen, sondern ein Puzzle aus Vorlieben und Obsessionen, Auftrags- und Gelegenheitsarbeiten, das die Persönlichkeit des Schöpfers eher verschleiert als enthüllt. Wenn Lindbergh erklärt, ihn interessierten die Blicke seiner Modelle mehr als deren Brüste, gibt er eine Lesart vor, die sich in den Fotos selbst nur teilweise bewährt. Die Berliner Akrobatin Nina Burri etwa erscheint vor Lindberghs Objektiv fast durchweg mit nacktem Oberkörper, und auch bei Tilda Swinton und Nadja Auermann schaut er tief ins Dekolleté, ohne dabei die Augenpartie zu vernachlässigen.

          Es sind Brüste und Blicke zugleich, die auf Lindberghs Bildern um unsere Gegenblicke buhlen, es sind die Gesichtszüge von Pina Bausch und die Beine ihrer Tänzerinnen, es ist das Berlin der zwanziger und das New York der neunziger Jahre. Wenn man Lindberghs Geschmack beschreiben will, muss man eher von dem reden, was ihm zuwider ist, zum Beispiel Farbe. Aber selbst da macht er, mal für Milla Jovovich, mal für Georgia Frost oder Tracy Wang, Ausnahmen.

          Dass Modefotografie keine geringere Kunst sei als andere Gattungen des Visuellen, ist inzwischen ein Allgemeinplatz. Stimmen muss er deshalb noch lange nicht. Ohne Zweifel hat Lindbergh sein Metier revolutioniert, indem er die Models vor alltägliche Hintergründe stellte und ihnen die Last des Glamours und der Posen abnahm. Aber seine Bilder sind keine Porträts, sondern Spiegelungen. Sie erzählen uns, was wir sehen wollen, auch dort, wo die Namen der Kleiderhersteller fehlen. Die Schönen schauen zurück, aber ihr Gesicht bleibt leer, es spricht nicht.

          Linda Evangelista als „Metropolis“Arbeiterin

          Bei Tatjana Patitz reden statt dessen Hand und Knie, bei Stephanie Seymour die Maske, die der Fotograf ihr aufgesetzt hat. Nicht zufällig wirken die Szenen, in denen Lindbergh Anleihen bei der Film- oder Kunstgeschichte aufnimmt, ausdrucksvoller als das scheinbar Ungeformte. Die androgyne Kristen McMenamy inszeniert er als Nijinsky im "Nachmittag eines Fauns", die Damen Berko, Evangelista und Owen posieren als "Metropolis"Arbeiterinnen in einer französischen Stahlfabrik, das Model Mathilde, das auf dem Eiffelturm posiert, erscheint als melancholische Göttin der Stadt. Bei Helmut Newton knallen solche Arrangements dem Betrachter ins Auge, bei Lindbergh muss man zweimal hinschauen, um den Bildgedanken zu erfassen. In dieser Zurückhaltung liegt der Charme seines Stils.

          Die Serien "Looking at" und "On Street", die hier zum ersten Mal ausgestellt werden, bilden das Zentrum der Präsentation bei C/O Berlin. Hier kombiniert Lindbergh die Lockerheit seiner Modebilder mit dem Pathos der Straßenfotografie. Doch der Klebstoff der Idee will in der Wirklichkeit nicht haften. Lindberghs Models sind immer sofort zwischen den Passanten erkennbar, weil sie als Einzige die Hände frei haben und zu den dunklen Pumps oder Stiefeln das richtige Kleid, die passende Hose, den idealen Mantel tragen. Aber sie sind wiederum nicht sichtbar genug, um der Szene Halt und Gewicht zu geben. Der Zauber des Gesichts in der Menge, ein Topos bei Baudelaire und den Dichtern der Spätromantik, verliert sich im Grau des Asphalts. Nicht die fehlende Farbe ist das Problem dieser Gruppenbilder, sondern der fehlende Kontrast. Manchmal ist es nicht gut, wenn der Fotograf die Welt allzu entspannt betrachtet. Egal, ob er Brüste sieht oder Blicke.

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