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Peter Kurzeck als Maler : Das Weltall aufzeichnen in Lebensgröße

Dass der Schriftsteller Peter Kurzeck auch exzessiv gemalt hat, war bis vor kurzem noch unbekannt. Nun sind viele Bilder erstmals in Gießen zu sehen: von rastlos hingeworfenen Frühwerken bis zu hochreflektierter Kunst.

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          Eines Tages waren die Amerikanerinnen da. Sie machten die übliche Tour durch Europa, das in jenem Jahr, 1959, immer noch seine Kriegswunden zeigte, und nahmen sich Zeit für einen Besuch in der mittelhessischen Provinz. Im Schaufenster eines Tante-Emma-Ladens entdeckten sie die Bilder, die der junge Lehrling gemalt und dort ausgestellt hatte, kauften sie kurzerhand und stritten sich dann noch lange darüber, wer welches der Bilder behalten durfte.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          So steht es in Peter Kurzecks autobiographischem Roman „Der Nußbaum gegenüber vom Laden in dem du dein Brot kaufst“, und dort lesen wir auch über eine Ausstellung des jungen Künstlers in der Aula seiner Schule: „Alles sehr feierlich“, heißt es, die Besucher sind „ergriffen“ von dem Maler, der wenige Wochen später von der Schule fliegen sollte, Stadträte und Lehrer wandeln „andächtig von Bild zu Bild“, und in beiden Lokalzeitungen wird über den jungen Maler berichtet.

          Bislang waren nur drei Bilder bekannt

          Dass also der 1943 in Böhmen geborene, in Staufenberg aufgewachsene Schriftsteller Peter Kurzeck, der beharrliche Chronist Frankfurts, der Jahre 1983 und 1984 und nicht zuletzt seiner selbst, auch gemalt hat und sich danach sehnte, neuerlich zu malen, hätte man seinen Werken entnehmen können. Und auch, dass seine Beschreibungen der Welt, die ihn umgab, einem Malerauge geschuldet sind – manchmal verschwindet in seinen Texten alles aus den Straßen, was lärmt oder riecht, und es bleiben für einen Moment nur Farben und Strukturen, die sich zu einem Panorama gruppieren. Einmal, im Roman „Vorabend“, ist sogar von einem bestimmten Bild die Rede, das Kurzeck, wie er schreibt, 1965 malte, „auf dem die Wiesen neben der B 3, die Lollarer Pfingstweide aufgefressen werden vom Eisenwerk und den Supermärkten, Parkplätzen, Zufahrtsstraßen, Lagerhallen und Baustellen“. Allerdings waren aus dem gesamten Œuvre bislang gerade einmal drei Bilder bekannt.

          Es ist dem Gießener Kunsthistoriker Marcel Baumgärtner und Mitgliedern der Ende November 2014 gegründeten Kurzeck-Gesellschaft zu verdanken, dass nun aus Privatbesitz mehr als 250 Bilder ans Licht gekommen sind, die bis vor einem knappen Jahr selbst Kurzeck-Experten vollkommen unbekannt gewesen sind. Sie stammen aus dem Besitz von zwei Freunden des Autors, der jahrelang auch räumlich in prekären Verhältnissen lebte – seine Romane, besonders der Zyklus „Das alte Jahrhundert“, beschreiben das sehr anschaulich – und sicher kaum die Möglichkeit hatte, zusätzlich zu den umfangreichen Manuskripten auch noch seine Bilder mit sich zu führen. Vor allem, weil er, wie es scheint, das von Kindheit an betriebene Malen Mitte Zwanzig für das zunehmend intensive Schreiben aufgab.

          Die Gründe liegen im Dunkeln

          Kurzecks Bilder werden nun erstmals in Gießen gezeigt. Sie verteilen sich auf zwei Ausstellungsorte, ein dritter, ein ehemaliger Kiosk, den Kurzeck auch einmal beschrieben hat, beherbergt Fotos von Christina Zück, aufgenommen in der Umgebung von Kurzecks Heimatort.

          Gleich ein ganzes Konvolut an Konzentrationslagerzeichnungen ist in der Ausstellung zu sehen, alle aus der Sammlung seines Freundes Ostheimer. Bilderstrecke

          In der Universitätsbibliothek ist eine Serie von etwa 35 Aquarellen mit Ansichten von Gießen ausgestellt, die Kurzeck rastlos im Herbst 1963 geschaffen hat – die Häuser und menschenleeren Straßen haben harte Konturen, die Flächen sind durch kreuz und quer verlaufende Linien wie aufgeritzt, und trotz der beachtlichen Düsternis der Architektur setzt der Himmel im Hintergrund oft genug leuchtende Akzente. Weil Kurzeck sich hier ersichtlich um die Realität bemüht, die ihn umgibt, ist sehr viel wiederzuerkennen, auch wenn die Gründe dafür, diese Serie von Stadtansichten zu malen, im Dunkeln liegen.

          Irritierende Symbiose aus Pinsel und Schreibmaschine

          Die eigentliche Ausstellung aber ist im städtischen Ausstellungsraum „Kultur im Zentrum“ zu sehen – eine beeindruckende Fülle von Arbeiten, die zum Teil die Hand des ausgesprochen talentierten Schülers verraten, später dann aber auch den reflektierten Künstler, der sich Vorbilder sucht und mit ihnen bricht, der zunehmend freier wird im Ausprobieren und in der Behandlung seines Materials, der seinen Namen immer prominenter ins Bild einschreibt und später sogar dort im Wort festhält, was das Bild zeigt: Bild und Text gehen bisweilen eine enge Verbindung ein, und die Signatur „Peter KurzEck Staufenberg“ passt sich den Konturen der abgebildeten Häuser oder Landschaften derart an, dass sie aus eigenem Recht am Bildaufbau teilhat.

          1979 hatte er in einem Text das Arbeiten mit dem Pinsel und mit der Schreibmaschine eine irritierende Symbiose eingehen lassen, mit demselben Ziel, der Abbildung der Welt, aber ohne dass man die Methoden dazu klar unterscheiden könnte: „Herbst; weite Wege die ich ging, alle Tage. Ich malte jeden Tag; alle Augenblicke fing ich ein neues Buch zu schreiben an, ganze Lebenswerke, die ich im Geist (auf allen Wegen) immerfort entwarf und in Gang hielt. Alles würde letztlich wie ein Naturgesetz in das eine einzige ewige Buch münden, in dem ich das Weltall aufzeichnete, für die Ewigkeit! Alles in Lebensgröße; Faksimiledruck, zusätzlich alle Details unter der Lupe.“

          Flächen, die nervös vibrieren

          Auch in dieser Ausstellung sehen wir kaum einmal Menschen, abgesehen von einem ebenso sicher wie originell gemalten Selbstporträt, entstanden 1959, als Kurzeck fünfzehn oder sechzehn Jahre alt war, und der rätselhaften Skizze eines Mädchens, dessen Köpfchen fein ausgeführt ist, dessen Beine aber von einer Farbwoge fast verdeckt sind. Sonst sind da Stadtansichten, etwa aus Triest, Venedig, Prag oder Paris, und besonders im Fall der Montmartre-Bilder ist oft nicht ganz klar, ob Kurzeck nun nach der Natur malt oder nach Bildern – ein Paris-Bild trägt etwa das Datum 1959, obwohl Kurzeck wahrscheinlich erst zwei Jahre später zum ersten Mal in der Stadt war.

          Und auch das in „Vorabend“ beschriebene Bild der von der Industrie angefressenen Lollarer Pfingstweide ist aufgetaucht und nun hier zu sehen – nicht ganz so groß, wie Kurzeck es beim Schreiben wohl in Erinnerung hatte oder machen wollte, aber eindrucksvoll in seiner düsteren Vision. Die Gewerbeimmobilien, die heute dort stehen, hatte Kurzeck 1965 noch gar nicht sehen können. Umso unbefangener, so scheint es, bringt er seine Ängste auf den Malkarton, reckt Schornsteine in den düsteren Himmel und lässt die Flächen wie nervös vibrieren. Besonders angesichts solcher klar aus dem Korpus herausstechender Bilder wäre man für einen Katalog dankbar, der eigentlich eine Sache von Kurzecks Hausverlag Stroemfeld wäre.

          Wie es tatsächlich um die Bilderverkäufe Kurzecks an die begeisterten Amerikanerinnen oder um den Ausstellungsruhm des Schülers steht, muss offenbleiben – die Berichte in den Lokalzeitungen etwa sind bislang aller Suche zum Trotz noch nicht aufgetaucht. Immerhin kann man hoffen, dass die Ausstellungen nicht nur den Anlass bieten, Kurzecks offensichtliche Doppelbegabung näher zu bestimmen. Sondern auch, dass durch sie angeregt vielleicht das eine oder andere Werk des Malers in Privatbesitz neu zugänglich wird.

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