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Frankfurter Kulturpolitik : Ist Schmiere die Zukunft?

Kultur nur, wenn sie volksnah ist: Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann Bild: dpa

Post von Peter an Ina: Frankfurt, das sei „Goethe, Adorno und Max Hollein“. So tönt es aus dem Rathaus der Stadt. Wer fehlt bei Holleins Abschied? Oberbürgermeister Feldmann.

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          Am vergangenen Sonntag wurde im Frankfurter Römer Max Hollein verabschiedet. Der Museumsdirektor, der nach San Francisco geht, stand fünfzehn Jahre lang der Kunsthalle Schirn und zehn Jahre lang dem Städel Museum sowie der Skulpturensammlung Liebieghaus vor. Allen hat er zu Schwung und Glanz verholfen, war bei seinen Mitarbeitern, bei den Verwaltungen seiner Häuser und bei den Frankfurter Bürgern beliebt, gefiel im Umgangsstil wie durch Sinn für Erfolg und konnte sich bei seinem Abschiedsfest vor Ehrenmitgliedschaften und „Komm bald wieder“-Gesängen kaum retten.

          Ganz Frankfurt, hieß es im Römer überschwänglich, sei da. Ganz Frankfurt? Der Oberbürgermeister nicht. Das ist man von Peter Feldmann (SPD) so gewohnt. Der Oberbürgermeister, der im Römer residiert, empfängt dort gern Weinköniginnen und spricht Machtworte, wenn Straßenpartys gefährdet sind. Kultur im engeren Sinne ist seine Sache nicht. Seine Facebook-Seite teilt mit, er habe Max Hollein „zu einer persönlichen Abschiedszeremonie in sein Dienstzimmer eingeladen“. Dass Zeremonien nie persönlich sind, wissen er und sein Büro so wenig, wie sie ahnen, was Stil gewesen wäre.

          Jede Formulierung seiner kulturpolitischen Thesen dokumentiert, wie sehr Kunst, Musik, Tanz, Literatur und Geist dort nur vom Hörensagen bekannt sind. Da salbaderte es, Frankfurt sei „Goethe, Adorno, Hollein“. Oder: In der Jugendkultur Graffiti ernst zu nehmen sei für die politische Agenda „unverzichtbar“. Oder: Das Städel sei, wie Oper und Schauspiel, ausgezeichnet und sozial eingestellt, für soziale Aktivitäten biete er, der Oberbürgermeister, „meine Prominenz an“, um „Öffentlichkeit und Glaubwürdigkeit herzustellen“. Wie bitte?

          Gaaaanz etwas anderes

          Abgefasst war das alles in ganz persönlicher Bildsprache. Kultur müsse „auf breiteren Beinen stehen“. Die unsichtbaren Grenzen zwischen „E- und U-Kultur, geförderter und geduldeter(!) Institution“ müssten eingerissen werden. Unsichtbare Grenzen einreißen, um auf breiteren Beinen zu stehen: Frankfurter Kultur, das ist für den Oberbürgermeister darum praktisch alles, „die Menschen, die hier leben, die Arbeit, die sie verrichten“ und „die Kleider, die sie tragen“, aber auch „die Fonds, in die sie investieren“. Die Quelle solcher Drolligkeiten ist das Büro des Oberbürgermeisters. Dort sitzt Martin Wimmer. Dem Büroleiter wird nachgesagt, er formuliere, was der OB zur Kultur zu sagen habe. Deswegen bekommt auch jeder, der öffentlich behauptet, der Oberbürgermeister habe Kultur als „Schmiermittel der Sozialpolitik“ bezeichnet (wir am 4. Mai 2016), vom Büroleiter Nachhilfe, das sei „natürlich in keinster Weise der Fall“. Kein, keinster, am keinsten – jeder steigert auf seinste Weise.

          Was der Oberbürgermeister und sein Büro stattdessen gesagt haben? Kulturpolitik sei am erfolgreichsten, wenn sie sich als „Schmiermittel sozialer Infrastruktur“ verstehe. Das ist natürlich gaaaanz etwas anderes, und dass jemand das kulturpolitische Schmieren der sozialen Infrastruktur, von der vorausgesetzt wird, man könne sich unter ihr etwas vorstellen, mit „Sozialpolitik“ übersetzt, ist gemein polemisch. „Natürlich“, schrieb uns der Büroleiter, „ist Ihnen der Unterschied bewusst.“

          „In keinster Weise“ ein Schmiermittel der Sozialpolitik

          Offen gestanden: ist er nicht. Wir verstehen nicht einmal, wie man der Kulturpolitik einerseits Zwecke der Wirtschaftsförderung, Integration und Bildung zuordnen kann, gleichzeitig das „durchökonomisierte Nutzendenken“ beklagt, um sich im selben Atemzug von angeblich elitärer Kunst und den „ohnehin Etablierten“ zu distanzieren. Allein die Museen, denen Hollein vorstand, hatten im vergangenen Jahr knapp eine Million Besucher: elitär, bloß E mit uneingerissenen Grenzen, ohnehin etabliert und bloß geduldet, sozial unnütz oder doch einer Prominenzausleihe durch den OB würdig?

          Gerade hat Martin Wimmer eine E-Mail an die Genossen im Stadtparlament geschrieben. Da demnächst wohl mit „Peter, Mike und Ina“ drei Sozialdemokraten die Kulturpolitik bestimmten – der OB, der Stadtplanungsdezernent und die Kulturdezernentin –, sei nun eine Abkehr von „neoliberalen und diskursverhindernden Auswüchsen des letzten Jahrzehnts“ möglich. Diskursverhinderung ist ein lustiges Wort in Frankfurt mit dem redseligsten Menschenschlag des ganzen Landes. Was wiederum an der Oper, dem Schauspiel, den Museen oder dem Literaturhaus zuletzt neoliberal war, bleibt bis auf weiteres Wimmers Geheimnis.

          Der noch nicht einmal gewählten Kulturdezernentin Ina Hartwig, deren Sinn für die Eigenlogik der Kunst ausgeprägt ist und die nach der hessischen Gemeindeordnung ihrerseits keiner Richtlinienkompetenz des Oberbürgermeisters untersteht, diktiert der Büroleiter unterdessen schon einmal die Prämissen. Hinter Feldmanns „sozialer Sichtweise“ auf die Kultur könne keiner mehr zurück. Aber „natürlich“, heißt es mit dem auch hier verwendeten Textbaustein Wimmers, sei Kultur „in keinster Weise“ ein Schmiermittel der Sozialpolitik. So wie es natürlich auch keinsterlei symbolische Gründe dafür gab, dass der Oberbürgermeister bei der Verabschiedung von Max Hollein fehlte. Man fragt sich unter Anlegung seiner Phrasen fast, ob er es bei Goethe oder Adorno, den elitär Etablierten, anders gehalten hätte.

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