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Peter Doig in Edinburgh : Schöner kann der Grusel nicht mehr werden

  • -Aktualisiert am

Wer sich fragt, wie es kommt, dass Peter Doigs Bilder so fabelhaft aussehen, erhält in der Edinburgher Ausstellung die Antwort: Inspiriert hat ihn ein Horrorfilm.

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          Niemand würde ihn als Edinburgher Künstler bezeichnen: Zur Welt kam Peter Doig 1959 in der Hauptstadt von Schottland, wo seine Vorfahren seit je ansässig waren. Schon als Kleinkind gelangte er jedoch mit seinen Eltern nach Trinidad, der ersten Station seiner - mit zahlreichen Ortswechseln in Kanada und England verbundenen - ziemlich nomadischen Lebensreise. Auf die paradiesisch schöne Karibikinsel, seinem Sehnsuchtsort aus frühen Jahren, ist er 2002 zurückgekehrt und hat sie zur Wahlheimat für sich und seine Familie erkoren. Und seine dort entstandenen Gemälde sind derzeit in der Edinburgher Scottish National Gallery unter dem Titel „No foreign lands“ versammelt, einem Destillat aus Robert Louis Stevensons beziehungsreichem Zitat „There are no foreign lands. It is the traveller only who is foreign“.

          Zu den schönsten und eindringlichsten Gemälden von Peter Doig gehört ganz sicher „100 Years ago (Carrera)“. Mit den unwirklich leuchtenden Farben und den beinahe abstrakt wirkenden Formen wird dieses Bild, das er 2000 noch als Stipendiat in Trinidad zu malen begann, zu Recht als Schlüsselwerk der großen und bewunderten Koloristen bezeichnet.

          Und was ist auf dem 229 mal 359 Zentimeter großen Tableau zu sehen? Ein überlanges rotes Kanu mit einem langhaarigen Passagier, das eine in unterschiedlichen blauen Tönen changierende, scheinbar grenzenlose Wasserfläche in der Mitte teilt. Darüber ein Himmel in tiefem Blau und am Horizont, winzig klein, die Gefängnisinsel Carrera, die nur für Romantiker eine Allusion an Böcklins Toteninsel ist. Es sind also drei fast gleich große horizontale Farbflächen, die auf Doigs Gemälde erscheinen und Assoziationen an Barnett Newmans „Horizon Light“ von 1949, aber auch an Matisses’ freilich streng vertikal gegliedertes Bild „French Window at Collioure“ von 1914 nahelegen könnten.

          Peter Doig ist ein Künstler, der sein Tun ständig reflektiert, seine Haltung aber auch zu formulieren versteht: Zum Beispiel, dass ihm Maler wie Daumier, Gauguin oder Matisse für sein Schaffen viel bedeuten, wie er 2009 betonte.

          Der Gedanke, Doig habe sich in Trinidad vom Licht des Südens und der üppigen tropischen Landschaft zu der 2001/2002 vollendeten Komposition „100 Years ago (Carrera)“ inspirieren lassen, wäre ein, wenn auch naheliegender, Irrtum: Um topographische Abbildungen oder gar um Darstellungen der Realität geht es ihm in seinen Bildern nie, eher um die Idee von fernen Erinnerungen an magische Landschaften. Doch in unüberbietbarer Deutlichkeit verwahrt er sich dagegen, missverstanden zu werden: „I never really understood, what was so conceptual about Conceptual Art, anyway - all painting, pretty much, is conceptual. I mean, every painting is an idea. Every painting is the result of a process. Conceptual Art just removes the pleasure of looking - colour and beauty and all that.“

          Ferne Erinnerungen an magische Landschaften

          Fast immer sind Fotos oder Plakate der Ausgangspunkt seiner Malerei, indes nur ganz selten ein Film. Die berühmte Ausnahme: Als Peter Doig bei seinem rastlosen, nie länger als drei Jahre an einem Ort lebenden Vater, der damals in Ontario wohnte, im Jahr 1987 Sean Cunninghams Horrorfilm „Friday 13th“ von 1980 sah, war er tief beeindruckt vom grausigen Geschehen. Er hielt die abschließende Traumsequenz des Films - mit einem Kanu, in dem eine Frau im wallenden Haar saß - noch am selben Abend in einem beklemmenden Gemälde fest.

          Und diese Szene ist seither ein zentrales Sujet für den Maler, das ihn zu zahlreichen und ganz eigenständigen Bildern anregte. Und ein Kanu ist auch auf seinem frühen, 1991 entstandenen Gemälde „White Canoe“ zu sehen, das im Jahr 2007 bei einer Auktion 7,7 Millionen Pfund erzielte. Peter Doig avancierte damit plötzlich und ganz unerwartet zum teuersten lebenden Künstler auf diesem Planeten, freilich nur für ein paar Tage. Sonderlich beeindruckt soll er von diesem temporären Status freilich nicht gewesen sein. Kein Wunder: Derart hohe Preise erzielen heute sonst ja vor allem Künstler wie Damian Hirst oder Jonathan Meese, die mit ihren meist ziemlich sinnfreien Werken stets punktgenau auf die höchstmögliche Aufmerksamkeit der Medien und der Label-Sammler zielen.

          Für einen Maler wie Peter Doig ist Trinidad offensichtlich wie auch für seinen Nachbarn Ofili ein idealer Ort. Hier hat er einen Filmclub ins Leben gerufen und malt eigenhändig dafür Plakate. Vor allem sind aber auf dieser Insel so wunderbare Gemälde entstanden wie die Traumlandschaft „Grande Rivière“ im Riesenformat oder die zahlreichen, wahrhaft hinreißenden Zeichnungen und Malereien mit dem Einheitstitel „Metropolitain“, die uns Honoré Daumiers „The Print Collector“ als durchaus heutigen besseren Herrn nahebringen, obwohl er ein bisschen wie ein „Nerd“ wirkt.

          Eigentlich schade, dass es zum uralten Lieblingsbuch von 1931, „If - or History rewritten“ („If Lee hat not won the Battle of Gettysburg“ von Winston Churchill und viele andere schöne historische „Ifs“) kein aktuelles Werk gibt, das solche, wenn auch skurrilen Gedankenspiele zur Kunst von heute anstellte: Wenn sein Vater mit der Familie in Edinburgh geblieben wäre, hätte dann Peter Doig - wie einst Raeburn - Anerkennung und Ruhm als bedeutender Maler der schottischen Landschaft gefunden?

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