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Neo-Rauch-Ausstellung : Zwickau, zum Beispiel

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Der Osten hat es schwer, die guten Nachrichten kommen aus der Kunst: Rosa Loy und Neo Rauch zeigen in der sächsischen Provinz Bilder einer Ehe, die auch eine Deutschlandreise sind.

          Was schenkt man einem Künstlerpaar zum Hochzeitstag, dem dreißigsten noch dazu? Wenn es sich selbst doch einiges leisten kann und außerdem weltberühmt ist? Zu berühmt für Zwickau im Grunde, die kleine Stadt in Sachsen, die gerade eine Haushaltssperre verhängen musste, weil der VW-Konzern zu den Hauptarbeitgebern zählt und die Zukunft wieder unsicher geworden ist. Die Antwort darauf lautet: Klaus Fischer wäre nicht Leiter eines der originellsten Kunstvereine in Deutschland, wenn ihm dazu nichts einfiele. Und so schenkte er Rosa Loy und Neo Rauch, die in seinem Verein ihren Hochzeitstag mit einer Ausstellungseröffnung feierten, selbst ein Bild: eine Collage aus Postkarten, Fotografien und Stichen.

          Jedes Teil dieses Puzzles gilt einem der kleinen und großen Orte, die beide geprägt haben, als Paar und Individuen. Zwickau ist natürlich dabei, die Stadt, in der Rosa Loy 1958 geboren wurde. Aschersleben, wo Rauchs Großeltern lebten, die ihn aufzogen, nachdem die Eltern wenige Wochen nach seiner Geburt tödlich verunglückten. Eine Postkarte zeigt das Freibad von Markkleeberg, wo Loy und Rauch zusammen wohnen. In Zerbst lernten sie sich kennen. In Leipzig, an der Hochschule, haben sie studiert. Und New York darf in der Collage nicht fehlen, vertreten durch einen historischen Stich, auf dem Menschlein die Riesenhand der Freiheitsstatue schmieden. Mit einer Schau im Metropolitan Museum feierte Rauch 2007 den Durchbruch in Amerika, als nächster deutscher Weltstar.

          Ungewöhnliche Ausstellung an unwahrscheinlichem Ort

          Angesichts dessen stellt sich die Frage: Warum eine Ausstellung in Zwickau? Wer diese Frage am Eröffnungsabend stellt, erhält darauf viele Antworten. Rosa Loy und Neo Rauch sagen, der Kunstverein habe sie gefragt, ob sie in der Reihe über Paare ausstellen wollten. Der Kunstvereinsdirektor Fischer sagt, dass die beiden ihn gefragt haben. Neo Rauch sagt, in dieser Ausstellung würden auch Bilder gezeigt, die der Markt nicht haben wolle. Wenige Minuten später korrigiert sein Galerist Gerd Harry Lybke, der aus Berlin angereist ist: „Das ist natürlich Quatsch.“ Es gebe keine Ladenhüter von Rauch, nichts, das sich nicht verkaufen ließe.

          Was mit Sicherheit stimmt, ist, dass in Zwickau eine ungewöhnliche Ausstellung an einem unwahrscheinlichen Ort stattfindet. Der Zwickauer Kunstverein Freunde Aktueller Kunst e.V., gegründet im Jahr 1998, befindet sich in einem ehemaligen Kindergarten, mit Linoleum auf dem Boden, brauen Fliesen im Flur und alten Apfelbäumen im Garten hinter den Fenstern. Die Räume sind hell, sonnig und niedrig. Am Abend der Eröffnung, als sich mehr als zweihundert Besucher in den kleinen Bau drängeln, gleicht das Haus selbst einem Kind, das beim Essen verdutzt feststellt, dass der Happen im Mund zu groß ist, um ihn hinunterzuschlucken.

          Wie Gesten in einer Beziehung

          Der Kunstverein zählt 270 Mitglieder, sie kommen aus Zwickau, Chemnitz, Dresden und sogar Berlin. Die Mehrzahl ist jünger als 45 Jahre. Gearbeitet wird ehrenamtlich, die Räume hat die Fotografin Li Erben, die ebenfalls im Haus wohnt, zur Verfügung gestellt. Nachdem sich 2011 die rechtsextremen Terroristen Mundlos und Böhnhardt in Eisenach das Leben genommen hatten*, hat der Kunstverein in Zwickau in zwei Ausstellungen die NSU behandelt; Anschläge gab es zum Glück keine.

          Ungewöhnlich sind bei der Schau von Loy und Rauch auch die Bilder. Ausgewählt haben die Künstler vorwiegend Gemälde, die sie füreinander geschaffen haben, um sie sich gegenseitig zu schenken, zum Geburtstag, zum Hochzeitstag, zu anderen Gelegenheiten vielleicht auch. Die Formate sind klein. Und es sind Überraschungen dabei. „Badende“ hat Rosa Loy 2012 eines dieser Geschenke genannt, das Bild einer gedrungenen blonden Frau, in deren Armen ein Wesen schläft. Es könnte ein Mann sein. Beide Figuren fallen insofern aus dem Rahmen von Loys Werk, als die Künstlerin fast ausschließlich Frauen malt – darunter auch solche, die ihr ähnlich sehen. Wovon handelt die Szene? Davon, dass Liebe so groß sein kann, dass sie den anderen trägt? In „Minen“ vergräbt eine Gärtnerin Zwiebeln in der Erde, wie Worte oder Gesten in einer Beziehung, die sich der eine merkt und der andere vergisst – bis sich plötzlich ein Keim nach oben bohrt.

          Neo Rauch hat Rosa Loy 2010 „Gärtnerin“ geschenkt. Ein Mann reicht einer Frau darin die Hand. Für einen Abend, so scheint es, verlässt sie ihre Bäume, Tümpel und Seen, um ihm Gesellschaft zu leisten, beim Licht hinter dem Fenster, an dem die Nachtfalter kleben. Ist das ein Geheimnis dieser Ehe? Dass jeder seine Welt behalten darf, wie Undine, die Wassernixe, die im Märchen nur den lieben kann, der ihr Rätsel nicht aufdecken will.

          Bilder verändern sich mit den Orten, an denen sie gezeigt werden. Was Loy und Rauch in Zwickau ausstellen, sind unverkäufliche Arbeiten, Gemälde, mit denen sie selbst leben. Die kleine Schau lässt sich dabei auch als ein Gegenmodell zum refeudalisierten Kunstbetrieb verstehen. In den prunkvollen Privatmuseen konnten die Werke Neo Rauchs wie die eines Hofmalers wirken. Die Bühnenhaftigkeit einiger von ihnen schien wie ein klotziger Wiedergänger der Guckkastenmalerei, die der Kaiser von Österreich im neunzehnten Jahrhundert bestellte – mit drolligen Untertanen darin, die ihr Unwesen treiben. Auf diese Idee dagegen kann nur ein Kunstverein kommen: die wunderbaren kleinen Formate des Künstlerpaars zu zeigen. In einen ehemaligen Kindergarten. Als Ausstellung über die Kunst der Liebe.

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