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Penny baut in Offenbach : Dynamik pur

  • -Aktualisiert am

Lebensmittel-Discounter konnten bisher keine Architektur-Preise gewinnen. Einer von ihnen bläst zur Aufholjagd. So kommt Offenbach zu einem überraschenden architektonischen Gewinn.

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          Dass der Handel mit seinen Bauten eine eigene Note ins Stadtbild bringt, hat Tradition - und sich oft verheerend auf die städtische Bauwelt ausgewirkt. Welche Stadt hatte schon das Glück wie Görlitz, dem 1913 der Architekt Carl Schmann mit dem späteren Kaufhaus Hertie einen hinreißenden Jugendstilpalast in die Innenstadt setzte. Und die zwanziger Jahre, in denen Erich Mendelsohn mit seinen dynamisch gerundeten Warenhausgiganten in Breslau, Stuttgart, Chemnitz und Nürnberg Stilikonen der Moderne schuf, sind eine Ewigkeit vorbei. Wir sind geprägt von den anonymen Containern der sechziger und siebziger Jahre, als die gleichmacherische Wabenfassade von Horten Schule machte.

          Ziegel, die mit Farben spielen

          Die Discountketten, die sich mit ihrem vergleichsweise geringen Verkaufsflächenbedarf zunächst in bestehenden Standorten wie etwa aufgegebenen Kinos einnisteten, wechselten mit größerem Sortiment und steigendem Raumbedarf - insbesondere an Parkplätzen - an die Stadtränder. Dort dominieren seither die Marktführer Aldi und Lidl in einer Art minimalistischem Landhausstil mit weit ausladendem Satteldach. Die zur Rewe Group gehörende Penny-Kette betreibt zwar bundesweit 2400 Märkte und hat mit einem Umsatzplus von fünf Prozent im ersten Halbjahr 2012 nun die Aufholjagd angekündigt. Doch architektonische „corporate identity“ geht dem auf Rang vier in der Discounterliga plazierten Unternehmen ab.

          Das aber könnte dank eines Filialneubaus anders werden: Seit einiger Zeit krönt das gelb-rote Penny-Logo an der Artur-Zitschler-Straße in Offenbach einen auf den ersten Blick nüchternen und auf den zweiten spannungsreichen Zweckbau. Er hat eine schwarz-violett changierende Klinkerfassade, die sich mit der klassischen Rundung der zwanziger Jahre der Kurve der Bundesstraße anschmiegt. Das massive, von Fugen markant strukturierte Mauerwerk wird durch ein schmales Fensterband im Obergeschoss aufgelockert; geöffnet wird es, analog den Bedürnissen des Bauherrn, nicht.

          Die glatten Ziegelflächen sind mittels sieben vorspringender Klinkerbänder plastisch durchgearbeitet; sie prägen den Bau so schnittig wie Chromleisten ein Auto. Dem entspricht die Anmutung des Gebäudes, das, den vorüberrasenden Blechströmen im Berufsverkehr angemessen, wie im Windkanal entworfen wirkt. Das Frankfurter Architekturbüro Faller & Krück hat die horizontalen dynamischen Elemente in den Vordergrund gestellt.

          Das ist die angemessene Reaktion auf die Verkehrsströme, die täglich dieses Areal durchqueren. Man hat aber auch auf die bauliche Umgebung reagiert. In der Nähe steht mit dem ehemaligen Haus der Bäcker-Innung, in den zwanziger Jahren aus rotem und gelbem Klinker errichtet, eine historische Entsprechung. Man sollte das Haus so bald wie möglich unter Denkmalschutz stellen - als Anreiz für weitere Neubauten wie den ansehnlichen Klinkerbau von Penny - und als Warnung für alle, die noch immer meinen, die Peripherie sei die Freistätte für stumpfsinnige Betonkisten.

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