https://www.faz.net/-gqz-uq8f

Pavillons der documenta in Kassel : Im demokratischen Zauberwald der Kunst

Architektur aus dem Geist des Baumarkts: In Kassel wird über den neuen documenta-Pavillon von Lacaton & Vassal in der Karlsaue gestritten. Schwellengegner und Distanzwahrer stehen sich gegenüber.

          Wenn man in diesen Tagen durch die Kasseler Karlsauen läuft, dann könnte man meinen, hier werde demnächst Gemüse angebaut - und zwar in einem weitläufigen Komplex aus aneinandergereihten Gewächshäusern, die, wie ein Einbruch der anonymen Zweckarchitektur aus der Vorstadt ins Allerheiligste des barocken Herzens von Kassel, direkt gegenüber der Orangerie stehen. Natürlich wird, wie die interessiert bis skeptisch um das milchig schillernde Gebilde herumspazierenden Kasseler mittlerweile wissen, in dem temporären „Aue Pavillon“ der Architekten Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal kein Gemüse, sondern Kunst zu sehen sein: Der weitläufige Komplex wurde als Erweiterung der Ausstellungsfläche der documenta 12 errichtet, die am 16. Juni beginnt.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Dabei ging es den documenta-Leitern nicht nur darum, möglichst billig viel Ausstellungsraum zu schaffen, wofür sich die vorgefertigten Gewächshausbauteile hervorragend eignen. Die Frage, die auch dieses Gebäude beantworten soll, ist grundsätzlicher: Wie kann man Kunst so zeigen, dass die Betrachter sie nicht nur ehrfürchtig anstarren wie alte Heiligtümer? Ist eine Architektur denkbar, in der Kunst anders erfahrbar wird?

          Platz für drei Viertel aller documenta-Exponate

          Beantworten soll diese Fragen das aus Bordeaux stammende Architektenduo Lacaton & Vassal. Dass die sich entschieden, für ihren experimentellen neuen Ausstellungsraum auf industriell vorgefertigte Gewächshäuser zurückzugreifen, ist nicht erstaunlich. Erstens hat das eine gewisse Tradition an diesem Ort; denn genaugenommen ist auch die von 1702 an vom landgräflichen Hofbaumeister Johann Conrad Giesler erdachte Orangerie ein Mehrzweckbau, dessen Galerien sowohl als Festsäle als auch als Winterquartier für die im Sommer draußen aufgestellten Kübelpflanzen dienten. Zweitens sind Lacaton & Vassal berühmt geworden mit ihrer Bricolage-Architektur, die sich aus Baumarkt-Komponenten und oft aus vorgefertigten Gewächshausteilen zusammensetzt.

          Die Idee ist einfach: Statt das Geld für aufwendige Materialien zu verpulvern und bei konventionellen Grundrissen zu bleiben, wollen sie mit billigen Mitteln neue, vielseitigere und lichte Räume schaffen. Drei Viertel aller Werke der documenta 12 sollen im „Aue Pavillon“ ihren Platz finden: das Gewächshaus als zentraler Ausstellungsbau.

          Auf der Suche nach dem „weichen Raum“

          In Floriac stellten sie vor einem konventionellen Haus eine Halle aus Gewächshausteilen auf; dieser Ort dient als Wohnzimmer, als flexibler Zwitterraum zwischen innen und außen. Wenn es regnet, sitzt man hier geschützt und doch irgendwie draußen; mit Stoffbahnen und Schiebeelementen können die Bewohner solche Räume selbst umgestalten und Atmosphären schaffen. So viel Quadratmeter, so viel gläserne Fassade und Wintergarten gab es noch nie fürs Geld. Das gleiche Prinzip wandten die Architekten im französischen Mulhouse an, als sie kostengünstige Sozialbauwohnungen entwerfen sollten.

          Es ist klar, dass die Architekten bei dem documenta-Projekt die Chance witterten, einen offenen sozialen Raum zu bauen, der eher ein überdachter öffentlicher Platz oder ein künstlicher Wald wäre als ein klassisches Gebäude. Dahinter steht die in der aktuellen Architekturtheorie diskutierte Frage, ob es neben den harten Raumkategorien - hier die Straße, dort die Wand, in der Wand die Tür, hinter der Tür der Innenraum - so etwas wie einen „weichen Raum“ geben könne, der neue urbane und gesellschaftliche Freiheiten einräumt.

          Was soll Kunst mit dem Leben machen?

          Was heißt das für die Präsentation von Kunst? Der künstlerische Leiter der documenta, Roger Buergel, spricht nicht ohne Pathos von einem „Zauberwald“, die Architekten von neuartigen Begegnungsräumen in der Atmosphäre einer „Gartenparty“. Skeptiker, denen all das zu siebzigerjahrehaft und sozialpathetisch ist, sehen da schon die Würstchengrills neben den Skulpturen qualmen und halten dagegen, dass Kunsterfahrung gerade von der Unzugänglichkeit der Werke und der unüberwindlichen Distanz lebe; auf diesem Feld sind während der documenta noch energische Diskussionen zu erwarten, bei denen es um nicht weniger als die Frage geht, was Kunst mit dem Leben derer machen soll, die ihr begegnen - und wie diese Begegnung organisiert werden kann.

          Weitere Themen

          Welche Zukunft hätten Sie gern?

          TV-Kritik: Anne Will : Welche Zukunft hätten Sie gern?

          Wer Klimaschutzpolitik als Kampf zwischen den Generationen etikettieren will, ist schief gewickelt. Die Zahl besorgter Eltern und Großeltern, die vergangenen Freitag an der Seite von Kindern und Enkeln auf die Straße gingen, war beachtlich. Der ganzen Debatte fehlt es an Optimismus.

          Ba-ba-ba-ba-Batman! Video-Seite öffnen

          Comic-Reihe wird 80 : Ba-ba-ba-ba-Batman!

          Wie in Gotham City wurde in Mexiko Stadt pünktlich um 8 Uhr abends das Batman-Symbol an ein Hochhaus geworfen. Viele Fans ließen sich das Spektakel zum 80. Geburtstag der Comic-Reihe nicht entgehen.

          Vom Glück hinter den Mauern

          Städte-Schau in Magdeburg : Vom Glück hinter den Mauern

          Die große Ausstellung „Faszination Stadt“ in Magdeburg will von der Stadt als Motor der europäischen Geschichte erzählen. Leider hat sie ihre historischen Hausaufgaben nicht gemacht. Der Anschluss an die Gegenwart gelingt nicht.

          Topmeldungen

          TV-Kritik: Anne Will : Welche Zukunft hätten Sie gern?

          Wer Klimaschutzpolitik als Kampf zwischen den Generationen etikettieren will, ist schief gewickelt. Die Zahl besorgter Eltern und Großeltern, die vergangenen Freitag an der Seite von Kindern und Enkeln auf die Straße gingen, war beachtlich. Der ganzen Debatte fehlt es an Optimismus.
           Ein Flugzeug von Thomas Cook steht auf dem Rollfeld des Flughafens von Manchester.

          Sanierung gescheitert : Thomas Cook ist pleite

          In der Nacht wurde das Aus besiegelt: Der älteste Reisekonzern der Welt steht vor der Zwangsliquidation. Das betrifft auch Zehntausende deutsche Urlauber. Condor-Maschinen sollen zunächst weiter fliegen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.