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Pavillon der Serpentine Gallery : Ein Schneckenhaus von Eliasson und Thorsen

Nach sieben Jahren sind die sommerlichen Pavillons der Londoner Serpentine Gallery fast schon eine Institution geworden. Diesmal haben es Olafur Eliasson und Kjetil Thorsen in Kensington Gardens auf optische Verunsicherung angelegt.

          Jeden Sommer wird den Londonern ein gewagter Neubau geboten, der an der Spitze der Avantgarde steht und der Phantasie des Schöpfers freien Lauf gibt, uneingeschränkt von bürokratischen Planungsvorgaben oder zaghaften Auftraggebern. Die Pavillons der Serpentine Gallery in Kensington Gardens sind nach sieben Jahren fast schon eine Institution geworden. Durch die Auftragsserie haben namhafte internationale Architekten, die bislang nicht auf den Britischen Inseln vertreten waren, ein prominentes Londoner Schaufenster bekommen, darunter Oscar Niemeyer, Zaha Hadid, Toyo Ito, Daniel Libeskind (vor dem Imperial War Museum in Manchester) und Rem Koolhaas. Für dieses Jahr war ein Werk Frei Ottos vorgesehen, das sich in der Realisierung allerdings als derart kompliziert erwies, dass es auf nächstes Jahr verschoben wurde.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Stattdessen sind der dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson und der norwegische Architekt Kjetil Thorsen, Mitbegründer von Snøhetta, des Osloer Büros, das sich mit der Bibliotheka Alexandrina profilierte, eingesprungen.

          Über die Rampe ins Iglu

          Eliasson und Thorsen, die bereits an einem Projekt für das von Snøhetta entworfene Opernhaus in Olso zusammenarbeiten (siehe auch: Opernhaus in Oslo: Großtroll will zwicken, Kleintroll will zwacken), ist eine geradezu symbiotische Verschmelzung von Architektur und Kunst gelungen. Eine sich wie eine Drahtspule an der konischen Konstruktion hochwindende Rampe führt in einen igluartigen Raum mit einer schräg versetzen, elliptischen Dachöffnung, durch die das gefilterte Tageslicht hineindringt. Über den Schneckengang steigt der Besucher weiter auf bis über die Baumspitzen, von wo aus er das Parkpanorama genießen kann.

          Von einer nach innen vorspringenden Betrachtungsplattform blickt man geleichermaßen als Teilnehmer und Beobachter aus der Vogelperspektive auf das „Labor“. Dort sollen in den kommenden Wochen jeweils am Freitagabend öffentliche Experimente mit Künstlern, Naturwissenschaftlern, Architekten und Denkern stattfinden. Sie kreisen um jene Fragen von Zeit, Raum und Wirklichkeit, die auch im Kern von Eliassons Erforschung der sinnlichen Wahrnehmung stehen. Das Programm gipfelt mit zwei sich über vierundzwanzig Stunden erstreckenden Veranstaltungen: eine anlässlich der Frieze-Kunstmesse in London, die andere im November in Eliassons Berliner Studio.

          Die Londoner nennen ihn den Kreisel

          Alles ist in diesem Pavillon auf optische Verunsicherung angelegt. Überall irritieren Schrägen, Kippungen und Versetzungen das Raumgefühl und vermitteln dennoch Ruhe. Bei aller Komplexität wirkt das Gebäude dann auch bestechend schlicht. Die changierenden Effekte werden durch die dunkelbraun gebeizten, geometrischen Sperrholzpaneele gesteigert, die das Stahlgerüst wie Puzzleteile bekleiden. An der Rampe entlang zittern gespannte Nylon-Schnüre wie abstrakte kinetische Skulpturen in der Brise.

          Der Pavillon hat bereits einen Beinamen bekommen. Die Londoner nennen ihn den Kreisel. Verkauft ist er auch schon. Nach dem Abbau im November wird der Pavillon wohl den Garten eines in Großbritannien ansässigen Privatsammlers zieren.

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