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Paula Modersohn-Becker : Deutschlands Picasso ist eine Frau

  • -Aktualisiert am

Worpswede und Frauen fielen einem bisher zu der Malerin Paula Modersohn-Becker ein: Zwei sensationelle Bremer Ausstellungen räumen damit auf und rücken das Werk der früh Verstorbenen in ein völlig neues Licht. Wie sie die Kunstgeschichte umschreiben, erläutert Julia Voss.

          Diese Geschichte beginnt vor eintausendneunhundert Jahren: Zu dieser Zeit wird das ägyptische Fayum zur Kolonie des Römischen Reiches, das seine Beamten und Soldaten in die Region südwestlich des Nildeltas schickt. Die neuen Machthaber verzichten darauf, Truppen fest zu installieren, aber die örtlichen Polizeieinheiten befehligen von da an römische Centurionen, Männer, die aus ihrer Heimat Riten mitbringen und Frauen heiraten, die seit Jahrhunderten ihre eigenen Sitten und Gebräuche haben.

          Römer ehelichten Ägypterinnen, und wenn nun einer von beiden starb, wurde der Leichnam auf ägyptische Weise bestattet, indem man ihn mumifizierte. Auf die Mumie aber malten unbekannte Künstler in römischer Bildtradition ein Porträt des Toten, Gesichter, die sich im heißen trockenen Sand Fayums erhielten und mit weit geöffneten Augen aus dem Bild blicken, so als hätten sie gegen alle Möglichkeit damit gerechnet, Jahrhunderte später gefunden zu werden.

          Da öffnet sich die Falltür der Geschichte

          Schnitt. Paris, Februar 1903. Die junge Künstlerin Paula Modersohn-Becker besucht während ihres zweiten Aufenthalts in Paris, wohin sie von Worpswede gereist ist, den Louvre. Viermal wird sie in ihrem kurzen Leben in die Seine-Metropole fahren, siebzehn Stunden mit dem Zug, immer geht sie in den Louvre, häufig täglich. In diesem Februar ist es kalt, und weil das Museum keinen Eintritt kostet, kommen nicht nur Kunstinteressierte in den beheizten weitläufigen Bau, sondern auch solche, die sich aufwärmen wollen.

          Von zehn Betrunkenen im Saal antiker Bilder berichtet Paula Modersohn-Becker in einem Brief an ihren Mann. Sie geht weiter in die ägyptische Abteilung und stößt dort zum ersten Mal auf die ägyptischen Mumienporträts. In diesem Moment aber muss sich die Geschichte plötzlich wie eine Falltür aufgetan haben, und die Moderne landete mitten im Sand des alten Ägypten. Alles, was die Malerei in diesen Jahren zu erfinden glaubte, der grobe Farbauftrag, der Zug ins Abstrakte, das Pure, Direkte, Rohe - es starrte von fast zwei Jahrtausenden her zurück. Der Schock hätte nicht größer sein können, wenn eine Dampfmaschine aus der Erde ausgegraben worden wäre.

          Ein Kapitel der Kunstgeschichte neu geschrieben

          Zwei Ausstellungen in Bremen beschäftigen sich nun mit den Paris-Reisen der Künstlerin: „Paula Modersohn-Becker und die Kunst in Paris um 1900“ in der Kunsthalle und „Paula Modersohn-Becker und die ägyptischen Mumienporträts“ in den nahe gelegenen Kunstsammlungen Böttcherstraße. Anlass der Retrospektiven ist das hundertste Todesjahr der Malerin, und man wird jetzt schon sagen können, dass in Bremen ein Kapitel der Kunstgeschichte neu geschrieben wird. Hodler, Matisse, Jawlensky, Picasso, Beckmann, von allen heißt es, ihr Stil sei von den Mumienporträts geprägt worden.

          Die Präzision aber, mit der die fantastische, von Rainer Stamm kuratierte Ausstellung die Verbindung zwischen Ägypten und Paris herstellt, ist bisher unübertroffen: Tagebücher, Briefe, Skizzen, Reiseführer wurden mit detektivischem Gespür ausgewertet, der Katalog führt diesen Hintergrund aus. Die Faszination für den Besucher macht aus, was das Auge nachvollziehen kann: Auf der einen Seite die Enkaustik der Mumienporträts im Altertum, eine Maltechnik, bei der unterschiedlich eingefärbte Wachspasten auf eine Holztafel aufgetragen und mit einer glühenden Kohlepfanne erweicht wurden, bis sie sich fest an den Untergrund banden. Auf der anderen Seite Paula Modersohn-Beckers Temperafarben, die sie nur mit wenig Bindemitteln anreicherte, wodurch eine trockene, rissige Oberfläche entsteht, ein der Enkaustik vergleichbarer Effekt.

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