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Paul Klee und Kandinsky : Kräftemessen in Öl auf Leinwand

  • -Aktualisiert am

Malerei wird besser durch gegenseitige Anregung: Das Münchner Lenbachhaus zeigt, wie die befreundeten Künstler Wassily Kandinsky und Paul Klee sich gegenseitig zu ganz neuen Ausdrucksformen trieben.

          Ein bewegendes Kapitel steht am Schluss dieser Ausstellung im Lenbachhaus: Es beginnt im Jahr 1937. Da trifft Paul Klee seinen Freund Wassily Kandinsky erstmals nach beider Emigration aus dem nationalsozialistischen Deutschland wieder. Der schwer erkrankte und entmutigte Klee lebt, kaum noch zur Arbeit imstande, in Bern, als er Besuch von Kandinsky bekommt, der zur Eröffnung seiner Ausstellung in der dortigen Kunsthalle angereist ist. Es scheint, als wäre damals ein Knoten geplatzt. Wieder einmal mobilisieren die Gespräche mit dem ungebrochen energiegeladenen Kandinsky und die Begegnung mit dessen jüngsten, den „Pariser Bildern“ Klees Willen, Neues zu beginnen.

          Mit frischem Schwung holt Klee zu einem phantastischen Spätwerk aus: Nie waren seine Bildformate größer, nie war seine Malweise kräftiger, nie waren die Farben strahlender. Stilistisch blieb Kandinskys damals vielformige Bildwelt feinziselierter Schwebteilchen ohne Einfluss auf Klee, aber sie überschüttete ihn förmlich mit optimistischen Impulsen. „Uebermut“ betitelt Klee ein fröhliches, von munteren Klettermaxen durchturntes Gemälde, das den wiedergefundenen Schaffensdrang spiegelt.

          Schätze aus dem Nachlass

          In München, wo die Freundschaft der beiden Wegweiser der Moderne 1911 begonnen hatte, zeigt das Lenbachhaus eine opulente, gemeinsam mit dem Berner Zentrum Paul Klee (das sich kürzlich auch schon mit dem Bildermuseum Leipzig für eine Gemeinschaftsausstellung zusammentat; F.A.Z. vom 25. März) ausgerichtete Gegenüberstellung dieser bei allem gegenseitigen Respekt und fruchtbaren Austausch auch von deutlicher Unterschiedlichkeit bestimmten Beziehung. Das Museum schöpfte aus seinen spektakulären Kandinsky-Beständen, Bern trägt Schätze aus dem Klee-Nachlass bei, und internationale Leihgaben ergänzen das rund zweihundert Werke umfassende kunsthistorische Pionierunternehmen. Erstmals nimmt es die bis zu Paul Klees Tod im Jahr 1940 währende, drei Jahrzehnte überspannende Malerbeziehung unter die Lupe.

          Beide Künstler suchten zu Beginn in München nach neuen Wege der Malerei - Grund genug, nach kürzester Zeit die Akademieklasse des bereits etwas altbackenen Franz von Stuck wieder zu verlassen, ohne einander kennengelernt zu haben. Das wird 1911 nachgeholt, da wohnt man in nächster Nachbarschaft in der Ainmillerstraße und stellt zusammen bei Hans Goltz aus. Kandinsky steuert damals bereits auf der Zielgeraden in die Abstraktion; Klee, noch ganz Zeichner, bleibt einstweilen am Naturvorbild hängen. Ganz wird er es nie aufgeben, vielmehr es zeichenhaft in seine skurrilen Phantasiewelten einbauen.

          Wie so oft blitzt bei Klee Satire auf: Sankt Georg, als edler blauer Reiter auf dem Titel von Kandinskys „Almanach“-Programmschrift prangend, beantwortet er mit der kleinen Zeichnung des Heiligen beim Aufspießen einer nackten Frau. Und die Ausstellung korrigiert bisweilen die Kunstgeschichtsschreibung: Aquarelle wie der farbfunkelnde „Steinbruch“ beweisen, dass nicht erst die legendäre Tunis-Reise von 1914 Paul Klee den Durchbruch zur Farbe und zur Malerei bescherte, sondern vorher bereits die Faszination durch Wassily Kandinskys Gemälde.

          Geteiltes Haus in Dessau

          Das Kräfteverhältnis von beiden schwankt, wie die klug in Themenkomplexe gegliederte Schau belegt. Zunächst bewundert Klee, der noch tastende Anfänger, den dreizehn Jahre Älteren für dessen revolutionäre Leistungen. Als Kandinsky später, nach dem Ersten Weltkrieg, frustriert durch intellektuelle und künstlerische Isolation, aus seiner russischen Heimat nach Deutschland zurückkehrt, feiert die Weimarer Republik seinen jüngeren Freund Klee bereits als Malerstar: Er hat Kandinsky in einem rasanten Aufstieg eingeholt. Dennoch ist die Freude groß, als man sich 1922 in Weimar wiedertrifft, und die gemeinsame Zeit als Lehrer am Bauhaus wird zur Phase größter Nähe.

          Aus diesen Jahren stammt ein köstliches Foto, auf dem die beiden Künstler nebeneinander in der Pose des Weimarer Goethe-und-Schiller-Denkmals posieren. Man widmet sich gegenseitig Geschenke, teilt ein Meisterdoppelhaus in Dessau und die Liebe zur Musik und malt Bilder, in denen derart intensive Dialoge mitschwingen, dass nicht nur bei den einander extrem ähnlichen Spritzbildern Verwechslungsgefahr besteht. Klee versucht sich in strengerer Geometrie, die Kandinsky von den Moskauer Konstruktivisten mitbringt. Der Letztere wiederum operiert gelegentlich am Rande der Natur, und der Kollege Oskar Schlemmer notiert nach einem Ausstellungsbesuch verwirrt: „Kandinsky: fast Klee, so daß ich ihn vermißte und erst dann bemerkte, daß Klee Kandinsky ist.“

          1933 ist es in Deutschland mit der Kunstfreiheit vorbei, beide Maler verlieren ihre Lehrämter - Klee war mittlerweile nach Düsseldorf gewechselt, Kandinsky in Dessau geblieben - und beschließen, das Land zu verlassen. Düsternis ergreift die Paletten, Kandinsky malt „trübe Lage“ und, als spielte er auf die neuen NS-Machthaber an, „Entwicklung in Braun“. Klee resigniert: Sein Bild „Von der Liste gestrichen“ zeigt ein dunkeltoniges, von dicken Balken schwarz durchkreuztes Gesicht. Wenig später beginnt das große Ausräumen „entarteter Kunst“, zahllose Werke beider Meister verschwinden aus den deutschen Museen. Wassily Kandinsky geht nach Paris, lässt sich nicht unterkriegen, schaut nach vorn und vollzieht einen Stilwechsel. Paul Klee - dem Kandinsky nach der allerersten Begegnung hellsichtig attestierte: „da sitzt schon was in der Seele“ - leidet in Bern unendlich - bis der alte Freund auftaucht.

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