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Paul Klee in München : So zerrissen wie die zwanziger Jahre

Der Bauhaus-Romantiker: Eine Ausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne zeigt, wie Paul Klee in seiner Malerei die Balance zwischen Zauber und Sachlichkeit suchte.

          Paul Klee ist der Kleine Prinz der Malerei. Gnadenlos vermarktet, liefern sich seine Motive ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Raffaels zu Tode verkitschten Sixtina-Engeln. Da sich seine Bildsprache in ihrer kindlichen Ästhetik und ihrem Peter-Pan-Syndrom beharrlich weigert, erwachsen zu werden, und da er die Attitüde des Unverstandenseins von der Welt bis an sein Lebensende fast trotzig pflegte, sind noch heute Jugendzimmer mit seinen postromantischen Piratenschiffen und Goldfischen als Poster plakatiert. Aber wie bei Hermann Hesses Lebensphasenromanen entscheiden sich die meisten Menschen irgendwann für eine Position, und diese Entscheidung geht ab einem gewissen Alter oft nicht gut für Klee aus.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Dass diese bekenntnishafte Positionierung einer zu verzaubernden Welt gegen die vorgebliche Unabdingbarkeit einer nüchternen Sicht auf die Dinge nicht aus der Gegenwart gedacht ist, sondern bereits zu Klees Lebzeiten existierte und ihn vor allem im Bauhaus jahrelang als scharfe Kritik entgegengebracht wurde, zeigt auf überraschende Weise eine Ausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne. „Konstruktion des Geheimnisses“ ist die größte Schau des Jahres dort, mit annähernd zweihundert Werken aus der eigenen Sammlung sowie aus aller Welt (die spektakuläre Bildstele „Gedanken in Gelb“ etwa reist von der Insel eines japanischen Multimillionärs zum ersten Mal seit achtzig Jahren zurück nach Europa).

          Bereits das Paradoxon des Ausstellungstitels – ein konstruiertes Geheimnis erscheint nur noch wenig rätselhaft und geheimnisvoll – weist auf die kluge Beschränkung des Kurators Oliver Kase hin, nicht noch eine weitere langweilende Klee-Gesamtübersicht zu geben, sondern die Ausstellung thematisch auf den Kernwiderspruch bei Klee zuzuspitzen: sein fast schon verzweifeltes Bestreben, Neoromantik und Rationalität in seinen Bildern auszubalancieren und zu versöhnen, Schillers Spieltheorie und Intuition in die Bauhaus-Maschinenästhetik einzuspeisen.

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          So ist der Gegen-Satz „Konstruktion des Geheimnisses“ ein Zitat aus einem nicht weniger widersprüchlichen Klee-Manifest mit dem Titel „exakte versuche im bereich der kunst“, bei dem bereits die typische Bauhaus-Kleinschreibung eine im doppelten Wortsinn „gewollte“ Annäherung des Malers an die Institution verrät. In dieser und anderen pädagogischen Programm-Schriften breitete Klee Konzepte für ein denkendes Künstler-Auge und eine wissenschaftliche Kunst aus, wie sie bereits die Romantiker ersannen.

          Mediator von Gegensätzen

          Aufhänger der Münchner Schau ist das hundertste Jubiläum des Bauhaus im nächsten Jahr, dem Klee als Professor für Malerei allerdings erst ab 1921 in Weimar bis zu seinem Rückzug im Jahr 1931 angehörte, als der neue Bauhaus-Direktor Hannes Meyer die Maler endgültig für überflüssig erklärte. Wie aber passt ein Künstler, dessen Hauptmotive bis ans Lebensende Engel, Mond und Sterne bleiben sollten, in das Bauhaus, klischeehaft die Kaderschmiede der Moderne voller Lordsiegelwahrer einer technisch-funktionalen Gestaltung? In der ein Theo van Doesburg dekretiert, dass Kunst zukünftig nur noch ein Werkzeug im Prozess sei, um den „Fortschritt der Menschheit“ zu organisieren. Gegenüber solch ungehemmtem Fortschrittsglauben bleibt der kleine Prinz Paul skeptisch.

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          Klee wird am Bauhaus zum Mediator von Gegensätzen. Er bildet die Studenten solide aus, will sie aber auch für den Zauber einer alle Sinne ansprechenden Malerei gewinnen. Die Raster, mit denen er in seinen eigenen Bildern Ordnung ins Chaos zu bringen sucht, löst er durch ein Sfumato warmer Farben malerisch wieder auf. Der bei ihm noch teilfigürlichen und -gegenständlichen „Realität“ stellt er eine zart modellierte abstrakte Utopie gegenüber, die für ihn gleichermaßen Realität bedeutet.

          Dabei war Klee kein weltferner Träumer. Als geschäftstüchtiger Produzent nahezu ausschließlich gutverkäuflicher Kleinformate schuf er bis an sein Lebensende die unglaubliche Anzahl von fast 10.000 Bildern, das Fünffache der gesamten Cranach-Werkstatt, die gemeinhin als Inbegriff der Produktivität und rationalen Geschäftstüchtigkeit gilt. Damit beim Durchnummerieren der Arbeiten auf dem Bild diese Menge nicht geschäftsschädigend als massenhaft produzierte Bilderflut auffiel, entwickelte Klee – ganz Schweizer – wie versteckte Schwarzkonten nur ihm bekannte Sonderklassifizierungen, um von Neuem niedrig loszählen zu können. Sehr früh schon kümmerte er sich darum, dass er durch große Ausstellungen und ein für damalige Verhältnisse äußerst respektables monatliches Grundgehalt seines Galeristen Hans Goltz finanziell abgesichert war. Das Verlassen des Bauhauses in Richtung Düsseldorfer Kunstakademie war für ihn auch eine materielle Verlockung. Es befreite ihn zudem von allen Lehrverpflichtungen und ermöglichte ihm, noch mehr Bilder zu produzieren und zu verkaufen.

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