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Cy Twombly im Centre Pompidou : Der Amerikaner, der in die Antike floh

  • -Aktualisiert am

Das Pariser Centre Pompidou, das gerade sein vierzigjähriges Jubiläum feiert, zeigt die bisher größte Schau zum Werk des amerikanischen Malers, Bildhauers und Fotografen Cy Twombly – man kann sich verlaufen im Werk des Künstlers.

          Die Hälfte des Jahres verbrachte Cy Twombly in einer alten Festung über dem Tyrrhenischen Meer. Im Innenhof standen türkisfarbene Gartenmöbel; manchmal öffnete sich ein Fenster zum Städtchen Gaeta, das tief unterhalb des Hügels liegt, manchmal sah man das Meer, das so blau in der Bucht glitzert, als habe Yves Klein selbst es dort als respektvollen Gruß hingemalt. Auf einem alten Holztisch lag eine zerlesene Ausgabe von T. S. Eliot. Die Räume hatten hohe Decken. Der Fußboden war gefliest, es war angenehm kühl, und in fast jedem Zimmer stand ein Schlafmöbel, da eine Liege, dort ein Bett mit Baldachin; hier verbrachte Twombly seine Tage.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Manchmal, an heißen Tagen, saß Twombly auf der Terrasse und schaute über die Bucht von Gaeta auf die karstigen Felsen der Monti Aurunci, oder er zog sich in eines der alten Häuser zurück, in dem Fresken von Sebastiano Conca an den Wänden schimmern und ein Sofa aus Andy Warhols Pariser Wohnung steht. Manchmal fuhr er nach Sperlonga, in die Stadt am Meer, die ihren Namen den unzähligen Natursteinhöhlen in ihrer Umgebung verdankt, den „Speluncae“, die auch den grottigen deutschen Kneipen ihren Spitznamen gaben.

          Die größte Ausstellung, die Twombly je gewidmet wurde

          Manchmal malte Cy Twombly monatelang nichts. Er war kein manischer Arbeiter. Umso erstaunlicher ist die Menge der Werke, die die Kuratoren der Pariser Ausstellung im Centre Pompidou, das vor genau vierzig Jahren, im Winter 1977, eingeweiht wurde, zusammengetragen haben: 140 Werke - darunter die „50 Days at Iliam“, ein gestisches Monumentalgemälde in zehn Teilen nach Homers Ilias - werden in Paris gezeigt; es ist die größte Ausstellung, die Twombly je gewidmet wurde.

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          Man steht nicht vor Twomblys Werken, man kann sich in seinem Werk verlaufen wie in den verwinkelten Gassen Roms, wohin der 1928 in Lexington, Virginia, geborene Amerikaner 1957 übersiedelte. Schon damals fuhr er ans Tyrrhenische Meer, hier entstand der berühmte Gemäldezyklus „Poems to the Sea“, in dem sich wie Treibgut all das versammelt, was auf einer Leinwand bisher nichts zu suchen hatte: Geschmiertes und Beiläufiges, Sexuelles, zielloses Kleckern und technische Berechnungen, Zahlenkolonnen, wie sie Handwerker auf Wände kritzeln. Twomblys Bilder erinnerten die verblüfften Betrachter der fünfziger Jahre am ehesten noch an römische Häuserwände mit ihren endlosen Farbschichten und Überlagerungen und Spuren, aber, genau genommen, hatte man so etwas noch nie gesehen: Worte werden zu Bildern, das Beiläufige und Untergründige rückt ins Zentrum der Kunst - und dass der Schrott der Malerei, die Krakeleien, Schmierer und Kratzer, die Wollknäuel der Schrift, das als nebensächlich vom Pinsel Abgestreifte so kunstvoll komponiert waren wie Gegenstände auf einem klassischen Stillleben, machte die Spannung dieser Werke aus.

          „Köder einer Bedeutung“

          Die Pariser Ausstellung eröffnet mit einem solchen, unbetitelten Gemälde aus dem Jahr 1959, das in Rom entstand. Man sieht auf der weißen Leinwand rote Striche und Dreiecke in Graphit, weiße Deckfarbe, als habe jemand Spuren verwischen wollen, Schraffuren, Zählungen, Durchgestrichenes: Was auf der Leinwand passiert, sieht in gewisser Weise auch aus wie eine Entsprechung der Geräusche im Orchestergraben bei der Probe - Stimmen, Husten, Blättern, Gemurmel.

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