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Gobelin-Ausstellung in Paris : Für Könige und Präsidenten

  • -Aktualisiert am

Tapisserie nach einem Entwurf von Le Corbusier aus der „Manufacture des Gobelins“. Bild: Mobilier national/Isabelle Bideau/VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Frankreich zeigt, wie wichtig es ist, auf dem Teppich zu bleiben. Auch, wenn er an der Wand hängt. Die Ausstellung „Au fil du siècle“ zeigt Prunkstücke der Gobelin-Manufaktur von 1918 bis 2018: hundert Jahre Tapisserie-Kunst.

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          Frankreich macht immer wieder staunen über sein ungebrochenes Bedürfnis nach prachtvoller Repräsentation. Schon früher produzierten die namhaften königlichen Tapisserie-Manufakturen Teppiche, Wandbehänge und kunstvoll gewebte Möbelstoffe, um die Repräsentationsräume der Monarchen und ihrer Würdenträger zu schmücken. Bis heute hat sich daran nichts geändert, auch an der Tatsache nicht, dass in jeder Epoche der jeweils offizielle zeitgenössische Kunstgeschmack in den meisterhaften Web- und Knüpfarbeiten zum Ausdruck kommt.

          Heute sind es – vom Präsidenten über Minister bis hin zu Diplomaten – die Vertreter der Republik, die aus dem reichen Fundus des französischen „Mobilier National“ schöpfen, um Büros, Empfangsräume und Residenzen auszustatten. Dieser nationalen Möbelverwaltung mit einer umfangreichen historischen Sammlung gehören die Gobelin-, die Beauvais- und die Savonnerie-Manufaktur an. Sie fertigen ausschließlich in staatlichem Auftrag und sorgen dafür, dass die Sammlung fortlaufend aufgestockt wird.

          Alle drei Manufakturen haben ihren Hauptsitz auf einem drei Hektar großen Gelände im 13. Arrondissement von Paris, das nach der größten und ältesten, 1607 unter Heinrich IV. gegründeten „Manufacture des Gobelins“ benannt wurde. „Gobelin“ ist seither ein Überbegriff für gewebte Wandteppiche. In der „Manufacture de la Savonnerie“ werden seit Anfang des siebzehnten Jahrhunderts ausschließlich Teppiche auf mächtigen vertikalen Webstühlen geknüpft. Die „Manufacture de Beauvais“, deren ursprüngliche Werkstatt in Beauvais im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört und teilweise auf das Gelände der Pariser Gobelin-Manufaktur transferiert wurde, stellt seit ihrem Entstehen 1664 unter Ludwig XIV. Wandbehänge her.

          In den Pariser Werkstätten sind derzeit 21 Tapisserien und Teppiche in Arbeit, an denen etwa fünfzig Weberinnen und Weber arbeiten. An den riesigen hochlitzigen (vertikalen) oder tieflitzigen (horizontalen) Webstühlen werden die Bildvorlagen namhafter Künstler – gegenwärtig zum Beispiel Sheila Hicks, Peter Downsbrough oder Kiki Smith – mit Wollfäden in die Sprache gewebter Textilien umgesetzt. Die Künstler beteiligen sich meist intensiv an den Vorstufen des Arbeitsprozesses wie der Farb- und Materialwahl, damit jede feinste Schattierung, jeder Ausdruck im Entwurfskarton im gekonnten Wirken mit den Fäden eine Übersetzung findet.

          Eine Arbeit von  Raoul Duffy.
          Eine Arbeit von Raoul Duffy. : Bild: Mobilier national/Isabelle Bideau/VG Bild-Kunst, Bonn 2018

          Seit 2007, als die „Galerie des Gobelins“ zum vierhundertjährigen Bestehen der Manufaktur restauriert wiedereröffnet wurde, machen ein bis zwei Ausstellungen im Jahr die Sammlungen einem breiten Publikum zugänglich. Die derzeitige Schau „Au fil du siècle, 1918–2018“ ist chronothematisch organisiert und spiegelt in jedem Abschnitt den offiziellen Kunstgeschmack einer Epoche wider. Lange Zeit schlossen staatliche Aufträge jede Form von subversiver Kunst geflissentlich aus.

          Die Kriegszeiten des vergangenen Jahrhunderts sind besonders prägnante Beispiele dafür, wie Patriotismus und Ideologie ikonographisch auf die Spitze getrieben werden können. Nach dem Ersten Weltkrieg gedenkt Frankreich in seinen Aufträgen der mère patrie und des Sieges. Robert Bonfils entwirft den Gobelinstoff für eine Sitzgruppe, die 1925 für den „Kriegssalon“ bestellt wurde. Der Tapisseriebezug zeigt eine donnernde Kanone und Kriegsflugzeuge auf der Rückenlehne. Wer sich dennoch setzen möchte, nimmt auf einem Kanonenrohr Platz.

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