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Auguste-Rodin-Ausstellung : Hundert Jahre Plötzlichkeit

Meister der Rasanz und der Verknäuelung: Mit einer gewaltigen Schau im Grand Palais begeht Paris den hundertsten Todestag des Bildhauers Auguste Rodin.

          5 Min.

          Der „Denker“ war kein Denker. Der Mann, der für die berühmteste Plastik von Auguste Rodin Modell stand, war der französische Preisboxer Jean Baud, ein Mann aus dem Pariser Rotlichtmilieu, der im Hauptberuf Holzbauer war. Und vielleicht war es kein Zufall, dass Rodin ausgerechnet ihn auswählte, als er an seinem „Höllentor“ arbeitete, einem Auftragswerk des französischen Staates. Geplant war das monumentale Tor als Eingang eines geplanten Museums, das allerdings nie gebaut wurde, weil stattdessen der Bahnhof Gare d’Orsay dort entstand.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Als Thema hatte Rodin Dantes göttliche Komödie ausgewählt; sein Denker sollte deren Autor, Dante Alighieri darstellen. Doch Rodins Figur bricht mit der Tradition der melancholischen, erschlafften Grübler, die sonst die Verkörperungen des Denkens in der Kunstgeschichte prägen, und hat auch nichts mit den gelassen auf antiken Treppen lagernden Denkern der Schule von Athen zu tun: Rodins martialisch muskulöse, kauernde Gestalt erinnert an einen Sportler, der jeden Moment lossprinten oder explodieren könnte: Alles ist höchste Anspannung und Verzerrung und Energie vor dem Aus- und Aufbruch.

          Die Raserei und das Verderben

          Es ist viel darüber geschrieben worden, was das für eine Hölle war, die Rodin da am Ende des 19. Jahrhunderts zeigen wollte, im sogenannten „nervösen Zeitalter“, in dem die Welt kolonialisiert und beschleunigt wird, in dem Frankreich sein Eisenbahnnetz ausbaut und der Ingenieur Amédée Sébillot aus Amerika mit der Idee zurückkehrt, ganz Paris mit dem Leuchtfeuer eines „Sonnenturms“ zu illuminieren – ein Vorhaben, aus dem wenig später der Eiffelturm wird. In die Zeit dieses elektrisierten, funkelnden Expansionismus fällt auch Rodins Arbeit am Höllentor, und oft wirken seine Figuren wie angestachelt vom aufbrausenden, atemlosen, taumelnd tumultuösen Klima einer Epoche, in der das Auto, der Fernsprecher und das Flugzeug entstehen.

          Eine Großausstellung im Pariser Grand Palais zeigt Skulpturen von Auguste Rodin.

          Was Rodin in fast all seinen Plastiken zeigt, ist aber nicht die zivilisatorisch geordnete Geschwindigkeit, die „Célérité“, sondern eher der außer Kontrolle geratene Rausch, die „Velocité“, die Raserei und das ihr folgende Verderben – weswegen sein Werk oft als Kritik am Fortschrittsoptimismus seiner Zeit interpretiert wurde.

          Von Anstrengungen zerraufte Männer

          Auch „der Kuss“, Rodins weltweit in Bildern und Kopien verbreiteter Liebes-Laokoon aus zwei Figuren, deren glatte Arme und Beine unentwirrbar ineinandergleiten, bezieht sich ja auf eine dunkle Geschichte der Göttlichen Komödie – man sieht Francesca da Rimini in dem Moment, in dem sie Paolo Malatesta, den Bruder ihres Ehemanns, umarmt, bevor Letzterer beide tötet. Die Liebenden hatten zuvor die Geschichte von Lancelot und Guinevere gelesen, deshalb hält der Mann in Rodins „Kuss“ noch das Buch in der Hand. Gezeigt wird also auch hier der Übergang von der Reflexion zur Enthemmung, von der mythologischen Erzählung zur unmittelbaren Handlung im Hier und Jetzt – genauso, wie der „Denker“ von ganz unmittelbaren und unintellektuellen Kräften und Ängsten durchzuckt wird.

          Auguste Rodin: Die Tore zur Hölle

          Man kann all diese Figuren nicht nur als Fortschrittskritik, sondern vor allem auch als Versuch lesen, eine jahrhundertealte Erzählung in die Gegenwart zu reißen und so, wie Lessing einmal sagte, den „garstigen breiten Graben“ zwischen der Überlieferung und dem Jetzt zu überspringen. Die Geschichte wie einen Kometen mitten im Jetzt und im Leben des Betrachters einschlagen zu lassen war auch das Ziel der Figurengruppe der „Bürger von Calais“: 1885 hatte Rodin von der nordfranzösischen Stadt den Auftrag erhalten, sechs legendären Bürgern ein Denkmal zu errichten, die sich 1347 während der englischen Belagerung zum Wohl der Stadt opfern wollten. Rodin zeigt auch hier keine idealisierten, sondern von den Anstrengungen des Moments zerraufte Männer – und er wollte diese Figuren nicht, wie üblich, auf einen erhabenen Sockel, sondern bloß auf eine flache Plinthe und somit gewissermaßen mitten ins Leben der Bürger stellen: auch hier das Bemühen um schlagartige Nähe, Distanzverkürzung.

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