https://www.faz.net/-gqz-9cpqp

Ausstellung im Centre Pompidou : Der Sprengstoff, der aus dem Rechner kam

  • -Aktualisiert am

Die erstaunliche Ausstellung „Coder le monde“ im Pariser Centre Pompidou zeigt, was die Welt des Digitalen mit der Kunst anstellt – und fragt, ob Computer die besseren Entwerfer sein werden.

          5 Min.

          Am Anfang stand das Staunen: Die ersten „Maschinen“, die der Mensch erfand, dienten nicht dazu, ihm die Arbeit zu erleichtern – dafür gab es Geräte. Nach der antiken Definition war eine „Maschine“ ein Mittel zum Erzeugen unmöglicher, unnatürlicher Effekte: Die Maschine stand dem Zaubertrick näher als dem Werkzeug. Der „Deus ex machina“ ist das beste Beispiel dafür: Eine Konstruktion hinter der Bühne lässt es so aussehen, als tauche mit einem Knall eine Gottheit aus dem Nichts auf. Erst viel später galten Maschinen als Apparate, die dem Menschen Arbeit abnehmen und das Leben vereinfachen sollen – und ein Reiz dieser sehenswerten Pariser Ausstellung liegt darin, dass sie beides zeigt: Maschinen, die das Arbeiten erleichtern, und Maschinen, deren Ziel die Verzauberung der Welt ist. In beiden Fällen geht es um Rechenmaschinen; darum, was die Kunst mit ihnen anstellte und was sie umgekehrt bis heute mit der Kunst tun.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Ausstellung spannt einen sehr weiten kulturhistorischen Bogen zurück zum berühmten Abakus, einem Rechenhilfsmittel, dessen Vorläufer schon mehr als zweitausend Jahre vor Christus im sumerischen Kulturraum eingesetzt wurden. Von diesen Rechentafeln, die mit Rastern die Welt der Zahlen sinnlich erfahr- und überschaubar machten, führt der Weg über die Rechenapparate des Philosophen Blaise Pascal bis zur Turingmaschine von 1936, einem Rechenmodell der theoretischen Informatik, das wegweisend war für die Entwicklung von formalen Sprachen und sogenannten Typ-O-Grammatiken – einer der wichtigsten Schritte auf dem Weg zur Entwicklung heutiger Computer.

          Entwurfintelligenz: Modell des Berliner Kollektivs Certain Measures
          Entwurfintelligenz: Modell des Berliner Kollektivs Certain Measures : Bild: Certainmeasures

          Gerade und ungerade Telefonnummern

          Der Schwerpunkt der Pariser Schau liegt aber darauf, was Künstler mit diesen Geräten anstellen und wie das „Coding“ seine Spuren in der Kunst hinterließ. François Morellet schuf schon 1961 ein digitales Porträt der Stadt Paris: Auf einer Leinwand zog er zweihundert vertikale und zweihundert horizontale Linien, wodurch 40.000 je fünf Quadratmillimeter große Felder entstanden. Danach färbte er – je nachdem, ob die Nummern im Pariser Telefonbuch gerade oder ungerade waren – ein Quadrat nach dem anderen entweder schwarz, oder er ließ es weiß. Dieser binäre Bild-Code gilt als einer der wichtigen Vorläufer der Computerkunst, zu der auch Gottfried Honegger und Lilian Schwarz gezählt werden, eine Künstlerin, die, heute 91 Jahre alt, fast vergessen ist und deren Wiederentdeckung allein den Besuch dieser Ausstellung lohnt.

          Schwarz und Honegger ließen zeitgleich 1970 discoartig zuckende, rote und blaue Digitalhieroglyphen über die schwarzen Bildschirme tanzen, die durch notwendige und zufällige Permutationen einer Formel erzeugt wurden. Die Maschine kommunizierte da Signale, die kein Mensch mehr decodieren, sondern nur noch als neue Form von Erhabenheitsästhetik, als überwältigendes flackerndes Schauspiel wahrnehmen und genießen konnte: als, wie es bei Schiller über das Sublime heißt, „Übermacht, welche vor keinen Grenzen erschrickt“ und „handelt, als ob der Geist unter keinem anderen als seinen eigenen Gesetzen“ stehe.

          Maschine sollte Kunstproduktion übernehmen

          Es ist interessant zu sehen, wie eine damals neue Techno-Op-Art sich in den Computerwissenschaften eine theoretische Basis bauen ließ und wie bald auch die Literatur den Computer als poetische Maschine im griechischen Wortsinn als „Poiesis“, also eine „Kunst der Hervorbringung“ entdeckte. Schon 1964 veröffentlicht der kanadische Informatiker Jean A. Baudot eine Sammlung von Gedichten, die von einem „elektronischen Apparat“ erzeugt wurden. Drei Jahre zuvor hatte der neoavangardistische italienische Dichter Nanni Balestrini mit den vom Computer neu zusammengesetzten Gedichtteilen des Poems „Tape Mark One“ in der Lyrik das Zeitalter von Sampling, Dekonstruktion, Rekombination und Remix eingeläutet. Und auch die französischen Musiker entdeckten die Algorithmen als Rhythmus- und Melodiengeber und veranstalteten im Musée Rodin „kybernetische Konzerte“; es kam zur Gründung der GMAP (Groupe de Musique Algorithmique).

          Weitere Themen

          Patienten als Devisenbringer

          Fernsehfilm „Kranke Geschäfte“ : Patienten als Devisenbringer

          Urs Eggers letzter Film „Kranke Geschäfte“ handelt von Medikamentenversuchen in der untergehenden DDR. Die Geschichte ist gut recherchiert und skandalisiert nicht. Durch Corona kommt eine besondere Dimension hinzu.

          Topmeldungen

          Ein Foto Alexej Nawalnyjs mit seiner Frau Julia, das der russische Oppositionspolitiker am 25. September auf Instagram postete.

          Fall Nawalnyj : Der Kreml verstrickt sich in Widersprüche

          Die russische Regierung macht unterschiedliche Angaben zum Fall Nawalnyj. Dabei hat Präsident Wladimir Putin die Vergiftung mit Nowitschok nun bestätigt – indirekt.

          Klimastreik in Frankfurt : „Die Normalität ist pervers“

          Fridays for Future will sich breiter aufstellen: Mit anderen Gruppen demonstrieren die Klimaschützer nun als „intersektionales Bündnis“ gegen Kapitalismus, Kolonialismus, Rassismus und Sexismus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.