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Paris zeigt den Tanz in der Kunst : Alles eine Frage der Bewegung

  • -Aktualisiert am

Das Pariser Centre Pompidou brilliert mit einer raffinierten Schau zum Tanz in der Kunst seit 1900: ein wilder, bewegender und auch einfühlsamer Blick auf die Kraft der Bewegung.

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          Am 30. Juni 1903 sprang die Tänzerin Isadora Duncan barfüßig zwischen den Beeten in Rodins Garten in Meudon umher. Sie war in einen dorischen Chiton gehüllt, drückte mit Vorliebe ihre musikalischen Ekstasen und melancholischen Momente in frei fließenden Tänzen aus, an diesem Tag zu Ehren des Bildhauers. „Miss Duncan“, äußerte Rodin beeindruckt, „hat Leben und Tanz recht eigentlich vereinigt. Sie ist sehr natürlich auf der Bühne, wo man dies doch nur selten ist. Sie orientiert den Tanz an der Linie, und sie ist schlicht wie die Antike, die das Synonym für Schönheit darstellt.“

          „Danser sa vie“ - Das eigene Leben tanzen, unter diesem Titel illustriert derzeit eine Ausstellung auf zweitausend Quadratmetern im obersten Stockwerk des Pariser Centre Pompidou, auf welche Weise „art et danse de 1900 à nos jours“, Kunst und Tanz von 1900 bis heute zueinander in Beziehung stehen. Isadora Duncan ist von der Kuratorin Christine Macel in die erste von drei Themenbereichen sortiert worden: „Danses de soi“, Tänze des Selbst. Und Duncan hatte nichts dagegen, von Rodin mit antiker Schönheit assoziiert zu werden, geriet aber in Zorn angesichts der Vermutung, sie habe ihre Tänze direkt bei griechischen Reliefs oder Vasen abgeschaut. Zu kaum einer anderen Zeit schließlich war künstlerische Originalität obligatorischer als im Anbruch der Moderne. Rodins Plastiken waren schon allansichtig, bevor Duncan seine Aufmerksamkeit auf den modernen Tanz lenkte, aber ebendiese Gelegenheit bewegte ihn verstärkt zum Studium des bewegten Körpers von allen Seiten. 1912 schwärmte er von Václav Nijinskys perfekter Physis, seinen harmonischen Proportionen, er sei das „ideale Modell, nach dem man Lust hat zu zeichnen, zu modellieren“. Oskar Kokoschka faszinierte an Nijinskys Tanz dessen Sprunggewalt, unter offenbarer „Missachtung der Gesetze der Physik“: Nijinsky, aber auch Duncan regten die Phantasie noch zahlreicher weiterer Künstler an.

          Haben wir dafür wirklich mehr als ein Jahrhundert gebraucht?

          Für sein Gemälde „Totentanz der Mary Wigman“ verbrachte Ernst-Ludwig Kirchner 1926 viele Tage damit, Wigmans Proben zu beobachten, und die Tänzerin empfand umgekehrt die Anwesenheit des stumm arbeitenden Malers deutlich und „auf eine merkwürdige Weise inspirierend“. Die Nähe zur Natur, zu den Formen des Lebens, das Gefühl, auf einen befreiten Ausdruck hinzuarbeiten, Farben, Linien, Körper zu ihrem ästhetischen Recht kommen lassen, beeindruckte die Tänzer wie die bildenden Künstler.

          Unter „Abstraktion der Körper“ läuft der zweite Bereich, hier stehen Oskar Schlemmers Bauhaustänze und die Wandteppiche von Sophie Taeuber-Arp für den Tanz ein; Rudolf von Laban und sein später Nachfahre William Forsythe, Palucca und Kandinsky, Alwin Nikolais oder Pablo Picasso werden hier aufgerufen. Im dritten Teil „Danse et Performance“ geben Bruce Nauman und Yves Klein, Wolfgang Tillmans, Andy Warhol, Jackson Pollock und Jan Fabre Zeugnis ab für einen körperlichen Zugang zur Kunst. Pollocks Drippings entstehen in einer wilden, tänzelnden Überquerung der am Boden liegenden Leinwand, Tillmanns zieht es ins Nachtleben, an den Rand der Tanzflächen von Clubs, Yves Klein zieht nackte Frauen durch Farbe und wischt sie über ausliegende Papierteppiche, Trisha Browns Solotanz „It’s a Draw“ hinterlässt mit Kohle tanzend verfertigte Zeichnungen. Legendär ist ihre Zusammenarbeit mit Robert Rauschenberg, so wie Yvonne Rainers oder Lucinda Childs Siebziger-Jahre-Tanzverweigerungen und Merce Cunninghams Prinzip der Kollaboration in Unabhängigkeit mit den wichtigsten Künstlern unserer Zeit.

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