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Francis Bacon in Paris : Besessen von Leben und Tod

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Francis Bacon war ein leidenschaftlicher Leser der tragischen Dichter und Denker. Das Centre Pompidou in Paris zeigt das Spätwerk im Echo seiner Lieblingslektüren.

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          Bei einem großen Meister wie Bacon verhält es sich wie mit den Dichtern der Weltliteratur: Jede neuerliche Ausstellung, jede weitere Interpretation oder Inszenierung beleuchtet einen wesentlichen Aspekt, lotet nicht geahnte Untiefen aus. Die jeweilige Perspektive erhellt bereichernd den Blick auf das Werk. Dem letzten Geheimnis lässt sich allerdings nicht erschöpfend auf den Grund gehen, und dieser ultimative Widerstand ist es, der einen wesentlichen Unterschied ausmacht zwischen Dichtung und Diskurs, zwischen Kunstwerk und Interpretation. Das Centre Pompidou zeigt mit der Ausstellung „Bacon en toutes lettres“ einen Dialog, in dem die Gemälde Bacons mit sechs Auszügen seiner wichtigsten Lektüren in Beziehung gesetzt werden; Texte der Dichtung, Literatur und Philosophie, die seine Malerei intellektuell und vor allem emotional begleitet haben, die aber auch am Ursprung seiner visuellen Inspiration gestanden haben. Der durch die Redewendung „en toutes lettres“ zwischen zwei Sinnebenen schillernde Titel meint so viel wie eine „literarische Durchdringung“ Bacons. Tatsächlich geht es um Resonanzen zwischen dem poetischen Wort und der Bildkraft des Malers.

          Francis Bacon war ein großer Leser. Seine heute im Dubliner Trinity College aufbewahrte Bibliothek umfasst mehr als tausend Bände. In Interviews kam er immer wieder auf seine Beziehung zu Dichtung und Literatur zurück. Die großen Dichter, erklärt er, seien Auslöser von Bildern. „Ihre Worte sind mir unentbehrlich, sie stimulieren mich, öffnen Tore zur Vorstellungskraft. Sie können mich bis zur Ekstase bringen.“ Bacons Gemälde sind durch ihre gewaltvollen, obszönen und exzessiven Darstellungen ein erschreckendes und zugleich fesselndes Faszinosum. Immer wieder kreisen sie um den deformierten, malträtierten Körper, um eine dem Sein, der Lust und dem Tod ausgelieferte Fleischlichkeit des Menschen. Ob Körper oder Porträt, seine Figuren oszillieren in einer ganz eigenen Dialektik zwischen Formbestreben und einer Macht der Zersetzung oder des Zerfließens. Dass seine Malerei im bewunderten Surrealismus ihre Wurzeln hat, zeigt sich bis in die paradoxe, auflösende Restrukturierung seiner zahlreichen Porträts und Selbstporträts. Zu Bacons Werk kann es keine eindeutigen Antworten geben. Entsprechungen allerdings, etwa zu seinem Leben. Francis Bacon wurde 1909 als Sohn britischer Eltern in Dublin geboren und durchquerte bis zu seinem Tod 1992 fast das gesamte, alle akademischen Regeln der Kunst, aber auch die letzten Fundamente der Humanität sprengende zwanzigste Jahrhundert. Während der Wirren des Ersten Weltkrieges wuchs er zum Teil sich selbst überlassen auf. Sein Vater, ein Militär und Pferde-Zureiter, soll gewalttätig und übergriffig gewesen sein. Später flüchtete er aus dem Internat, wurde dann als Sechzehnjähriger aus dem Elternhaus geworfen, wo seine Homosexualität nicht geduldet wurde. Bacon ist ein Autodidakt, der zwischen krassen Exzessen im Nachtleben von London, Berlin oder Paris und einem immer wieder triumphierenden Bedürfnis nach Gestaltung den Weg in die Malerei gefunden hat.

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          Die Schau im Centre Pompidou konzentriert sich auf die späte Schaffenszeit. Am 26. Oktober 1971, Bacon war fast 62 Jahre alt, wurde seine bis dato größte Retrospektive im Pariser Grand Palais eröffnet. Auch in einer anderen Hinsicht ist 1971 ein einschneidendes Schicksalsjahr. Zwei Tage vor der Eröffnung nimmt sich Bacons Lebenspartner George Dyer in ihrem Pariser Hotel das Leben. Eine Serie dreier qualvoller Triptychen befasst sich explizit mit dem Drama. Sie gehören zum Auftakt der von Didier Ottinger, Vizedirektor des Centre, kuratierten Ausstellung. In einem faszinierenden Parcours mit zum Teil nie oder selten zu sehenden Leihgaben lässt sie daraufhin in sechs Kapiteln Bacons Werk im Einfluss seiner „spirituellen Familie“ entdecken. Den auf Englisch und Französisch gesprochenen Textauszügen kann in kleinen bilderlosen Räumen konzentriert zugehört werden. Sie funktionieren wie poetische Schlüssel zum Werk Bacons.

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