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Saul-Steinberg-Ausstellung : Die Außenwelt seiner Innenwelt

Saul Steinberg verstand als Zeichner von allem etwas, selbst davon, wie man Tiger wachtritt: Eine virtuelle Galerie-Schau zeigt die virtuosen Interieurs.

          2 Min.

          Jeder kennt sein berühmtes Titelblatt, das er für die Zeitschrift „The New Yorker“ im Jahr 1976 schuf. Dort fällt der Blick, so lässt sich vermuten, von einem höheren Standort aus auf die 9th Avenue in New York und gleitet weiter über ein Stück flachgemachte Erdkugel bis hin zum Pazifik. In ungezählten Varianten gab es danach, für praktisch jede größere Stadt auf der Welt adaptiert, diese Perspektive, als ein imaginärer Vogelflug. Der Schöpfer ist der begnadete Zeichner Saul Steinberg, geboren 1914 in Rumänien und 1999 in New York gestorben. Mit dem Schweifen in der Realität ist es ja grade nicht so weit her, weshalb träumerische Ausflüge Konjunktur haben.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Dass Saul Steinberg dabei ein ausgesprochenes Faible für Innenräume hatte, lässt sich auf der Website der Pace Gallery betrachten, die als „Imagined Interiors“ seine Impressionen von Innenwelten zusammengestellt hat (bis zum 3. Mai; https://www.pacegallery.com/viewing-rooms/saul-steinberg/). Es kann gut sein, dass der Künstler so viel Sensibilität für Orte der Geborgenheit hatte, weil ihn selbst die Fährnisse der Zeitgeschichte über Jahre vor sich hertrieben. Und so hat er mit dem Zeichenstift über das häusliche Leben philosophiert, in zauberhaften Darstellungen.

          Die Interieurs sind für Saul Steinberg Keimzellen für kontemplative Schöpferkraft, für allfällige künstlerische Betätigung ohne äußere Ambition. Dort kann der Mensch vor sich hin zeichnen, wie eine ganz selbstversunkene Dame, die sich gerade an einem Ross mit Reiter versucht, womöglich ihr Wunschtraum von einem Kavalier. Oder der Mensch hat sich umgeben mit einer vollgestopften Wohnung, in die er gar nicht mehr selbst hineinpasst, wie auf einem „Viktorianischen Interieur“ – Wimmelbild des puren Horror vacui, aber als fröhliche Vorstellung des Sammeltriebs betrachtet, nicht als Bedrohung, die manchen überkommen könnte. Oder Musik zu machen ist eine Option, wie auf der wundervollen Zeichnung, auf der Steinberg sich als Jungen darstellt in seinen damals ärmlichen Verhältnissen, hingerissen auf der Violine spielend. Wer das Bild anklickt, hört ein paar Takte der Gavotte aus der Oper „Mignon“ von Charles Louise Ambroise Thomas, während der Knabe mit seinem Taktfuß den platten Tiger auf dem Teppich unter ihm wachzutreten scheint.

          Hübsch ist es auch, Steinbergs Blick auf die Um- und Außenwelt aus der Position der Katzen einzunehmen, die seine Bilder bevölkern – nach dem Prinzip: Raum ist in der kleinsten Hütte alias Wohnung. Dass Katzen die „Insellage“ eines urbanen Apartments einnehmen können aufgrund ihrer geistigen Zurückhaltung, erklärt er damit, dass die Katze den Künstler repräsentiere, der, wie sie, auch nicht völlig beteiligt sei am Leben, das ihn umgibt. Diese Überzeugung ist in dem kleinen Panoptikum seiner Werke auf der Website bebildert, in seiner unvergleichlich witzig- charmanten Art. Auch das soll er gesagt haben, dass er nämlich überhaupt mit der Absurdität der Wirklichkeit spiele. Genau so könnte Saul Steinberg mit seiner diskreten Menschenfreundlichkeit ein guter Begleiter bleiben, wenn die Realität in den Alltag zurückgekehrt sein wird.

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