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Outsider-Art : Wo nur die Werke zählen

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Hinfahren, staunen, glücklich sein: Die Schau von Outsider-Art der Sammlung Zander im Schloss Bönnigheim ist das perfekte Ziel für einen Sonntagsausflug.

          Wer hat wohl dieses Bild gemalt? Vielleicht ein frühes Werk von Fernando Botero oder ein eher spätes von Félix Valloton? Eine Künstlerin könnte es ja auch gewesen sein, die diesen zaghaften Mann durch den Teich waten ließ und ihm die nilpferdhafte Rückenpartie verlieh. Wer jedenfalls nicht weiß, von wem das Gemälde stammt, bringt die besten Voraussetzungen für einen Besuch der Sammlung Zander mit. Auch davon nie gehört? Umso besser. Denn ganz in diesem Sinne wurde die Sammlung des seit zwanzig Jahren in Bönnigheim ansässigen Privatmuseums neu geordnet, gehängt und in frisch gestrichenen Räumen arrangiert. Kuratiert hat die Schau „27 Künstler, 209 Werke“ Susanne Pfeffer, die Direktorin des Fridericianums in Kassel, die bei der Kunst-Biennale in Venedig 2017 den deutschen Pavillon gestalten wird. Zu der Ausstellung gibt es keine Erklärtexte, keine Künstlerbiographien, keinen Katalog. Wer in das malerische Schloss kommt, in dem die Sammlung Zander residiert, soll einfach nur eines tun: schauen.

          Beim Gang durch die Räume darf also auch darüber nachgedacht werden, wie eine Kunstgeschichte aussähe, in der tatsächlich nur die Werke zählten – und nicht das Geschlecht, die Herkunft, die Biographie, der Name der Galerie oder der Akademie, auf der studiert wurde. In der Musik sind einige Orchester dazu übergegangen, Bewerber hinter einem Vorhang spielen zu lassen, da Studien gezeigt haben, dass es die Chancen von Frauen dramatisch erhöht. Als einen solchen Vorhang lässt sich die Bestimmtheit verstehen, mit der Susanne Pfeffer in ihrer Schau darauf beharrt, die Biographien der Künstler außen vor zu lassen.

          Kunst von den Außenseitern der Gesellschaft

          Was man erfährt, wenn dieser Vorhang doch zur Seite gezogen wird? Dass man es in dieser Schau mit Werken von Putzfrauen, Gewichthebern und Schaustellern zu tun hat, von Straßenarbeitern, Gärtnern, Zöllnern, Hausfrauen, Klosterschülerinnen, Bürsten- und Knopfmachern oder entlaufenen Sklaven. Keiner von ihnen hat je auf einer Kunstakademie studiert. Jeder von ihnen war aus Leidenschaft, aus Notwendigkeit zum Malen, Zeichnen oder Bildhauen gekommen. Im Museum Zander gibt es keine Sonntagsmaler. Sondern nur solche Künstler, die, wenn es nur irgendwie ging, alles stehen und liegen ließen, um sich der Kunst zu widmen.

          Gleich im ersten sonnendurchfluteten Raum trifft der Besucher etwa auf die Gemälde von Camille Bombois, geboren 1883, gestorben 1970 in Paris. Der Akt war eines seiner bevorzugten Genre, wobei er sich selbst Modell stand – und vor allem seine Frau. Bombois, der als Straßenarbeiter, Drucker und Gewichtheber gearbeitet hatte, schuf die ungewöhnlichsten Nackten in der Malerei des zwanzigsten Jahrhunderts. Für das große Spektrum von Gefühlen, die mit Nacktheit verbunden sind, fand er Bilder: für Scham, Überraschung, Verwunderung, Freude, Zärtlichkeit oder Versunkenheit. Susanne Pfeffer stellt sie zusammen mit seinen Landschaften aus.

          Bombois, der noch auf die erste Documenta in Kassel 1955 eingeladen worden war, zählt zu den bekannteren Vertretern der sogenannten „Outsider“, die in den vergangenen Jahren wieder mehr Aufmerksamkeit erfahren haben. Im Rampenlicht standen sie etwa bei der Kunst-Biennale von Venedig im Jahr 2013, die Massimiliano Gioni kuratiert hatte. Zuvor, im Jahr 2008, widmete sich der mehrfach ausgezeichnete Spielfilm „Séraphine“ von 2008 dem Leben der Séraphine Louis, die als Putzfrau arbeitete, unter anderem bei dem Kunsthändler Wilhelm Uhde, der sie schließlich entdeckte. Uhde stellte ihre großformatigen Bilder von gleißenden Bäumen und Sträuchern zusammen mit den Werken von Bombois, Rousseau, Vivin oder Bauchant aus. Sie alle sind in Bönnigheim vertreten.

          Mit etwas mehr als zweihundert Werken sind derzeit etwa fünf Prozent der Sammlung von Charlotte Zander zu sehen, die vor zwanzig Jahren eines der schönsten und originellsten Privatmuseen Europas in Bönnigheim gründete. Zander, die 2014 starb, sammelte Werke von Menschen, mit deren Kunstfertigkeit der Betrieb lange nicht gerechnet hatte. Ein letztes Beispiel: Bill Traylor, der in Alabama noch als Sklave geboren wurde, fing erst mit 85 Jahren zu malen an, um seine Erinnerungen festzuhalten. In Bönnigheim steht man vor dem Bild eines zartgliedrigen Esels und denkt: zum Glück.

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