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Ausstellungsereignis Otto Piene : Das Auftauchen der Sonne im Nachthimmel über Berlin

Man steht nicht vor der Kunst, sondern in ihr: Zwei Ausstellungen in der Kunsthalle der Deutschen Bank und der Neuen Nationalgalerie feiern das Werk des Licht- und Raumkunst-Pioniers Otto Piene.

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          Es gibt einen Film, der Otto Piene Ende der sechziger Jahre bei der Vorbereitung eines „Sky Art Events“ zeigt: Man sieht Menschen mit Sonnenbrillen an gigantischen Licht- und Luftmaschinen arbeiten, die Sonne blendet, das Ganze erinnert eher an den Countdown einer Mondmission, nicht an eine Kunstaktion. Aber genau das war es: Der Himmel, hatte der 1928 geborene Piene erklärt, sei die größte Leinwand, die wir kennen - und damit war der nicht geringe Anspruch seiner Kunst markiert. Weg vom Tafelbild, raus aus dem Museum, hinein nicht nur in den sogenannten öffentlichen Raum, den er verändern, zu einer Bühne für soziale Experimente und neue ästhetische Erlebnisse machen wollte, sondern gleich in den Weltraum, den Himmel, ins All.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          War in den fünfziger Jahren das All-Over-Painting eine Revolution, die lediglich auf der Leinwand stattfand, trieben Piene und seine Mitstreiter das Prinzip des „All over“ in die Stadt, die Landschaft und den Himmel. Kurz vor der Mondlandung 1969 ließ Piene riesige aufblasbare Skulpturen abheben, sein ebenfalls flugfähiger „Berlin Superstar“, der 1984 über dem Ernst-Reuter-Platz schwebte, war so groß wie ein Hochhaus - neunzig Meter hoch.

          Ein Pionier der Alltagskunst

          Am 19. Juli, soll er über dem Dach der Berliner Nationalgalerie aufsteigen, wo seit gestern Pienes Dia-Performance „The Proliferation of the Sun“ (Die Sonne kommt näher) wieder aufgeführt wird. Ab 1964 hatte Piene vielfarbig schimmernde Formen auf über tausend Glasdias gemalt und dann in einen Theaterraum projiziert, in dem das Publikum nicht andächtig vor dem Kunstwerk stand, sondern mittendrin lag wie in einem psychedelischen Formentrip.

          Diese Idee, dass Kunst mit starken Op-Art-Effekten Räume entstehen lässt, in denen eine andere Form von Gemeinschaftserlebnis möglich wird, taucht auch in der Gegenwartskunst immer wieder auf: Was Ólafur Elíasson mit dem Weather Project in London inszenierte und Tobias Rehberger mit seinen Bars und Cafés auf weniger pathetische Weise perfektioniert, hat hier einen Ursprung. Man liegt im Kunstwerk wie in einer Raumkapsel, in der die ganze Welt plötzlich anders aussieht.

          Piene hatte erst in München, dann in Düsseldorf Kunst studiert und dort bis 1964, zuletzt als stellvertretender Direktor, die Modeschule geleitet. In einer Zeit, als mit Pop-Art die Frage aufkam, ob man Kunst auch weiterhin im quasisakralen Reservatbereich von Museen und Galerien züchten müsse, fand sich Piene unter den Pionieren einer entschlossenen Ausweitung der Kunst ins Alltagsleben.

          Seltsame Lichtwesen aus der Tiefsee

          1957 gründete er mit Heinz Mack die Gruppe Zero, ein Jahr später entstanden seine Rauchzeichnungen; auf der Leinwand war jetzt nicht mehr die Aktion des Pinsels, sondern der Fallout einer großen Hitze und heftiger Energien zu sehen; das Bild wurde zum Nachbeben der Aktion. Es folgten Feuerbilder und Lichträume. In Berlin, in der Kunsthalle der Deutschen Bank, wird neben Rauch- und Feuerbildern aus der bankeigenen Sammlung auch ein solcher Lichtraum gezeigt: In kunstvoll perforierten Boxen bewegen sich Lichtquellen so, dass, wie bei den Reflexionen einer Discokugel, Lichtbewegungen über die Wände huschen.

          Es ist, als befinde man sich unter Wasser, in einer von seltsamen Lichtwesen bevölkerten Tiefsee - auch hier steht man nicht vor einem Kunstwerk, sondern mittendrin, die Kunst verändert mit starken visuellen Effekten das Aussehen der gesamten Umwelt beziehungsweise all dessen, was man im Moment von ihr sehen kann.

          1968 wurde Piene ans Center for Advanced Visual Studies ans MIT in Cambridge berufen, wo er ein erstes „Sky Event“ veranstaltete. Die folgenden Jahre erforschte er zusammen mit Technikern und Naturwissenschaftlern ästhetische Effekte und Phänomene. Die Ausstellungsmacher betonen zu Recht, dass Piene - wie auch der vor kurzem im Pariser Palais de Tokyo wiederentdeckte Op-Art-Kinetiker Julio Le Parc - zu einer Generation von Licht- und Raumutopikern gehört, die wichtige Fundamente für die Arbeiten von jüngeren Künstlern wie Tomás Saraceno oder eben Ólafur Elíasson gelegt hat.

          Dass Otto Piene im Ausstellungsbetrieb, obwohl für die Gegenwart und ihre Kunst viel einflussreicher, dennoch viel weniger präsent ist als etwa Maler wie Anselm Kiefer oder Georg Baselitz, ist ein Missstand, der behoben werden muss, und die Berliner Piene-Ausstellungen sind ein wichtiger Beitrag für die Neubewertung seines Werks.

          Dennoch fragt man sich, ob die Neue Nationalgalerie, die sich nach der Schau für K.O. Götz (geboren 1914) und jetzt der für Piene (geboren 1928) gerade in einen Tempel zur Wiederentdeckung hochbetagter Herren verwandelt, in Zukunft nicht auch einmal die genauso interessanten über achtzigjährigen Künstlerinnen zeigen sollte (die großartige Malerin Carmen Herrera wird kommendes Jahr einhundert) - oder auch das, was die vielen jungen Künstler, die in Berlin leben, aus den utopischen Energien der Generation von Piene machen. Spannende Beispiele gäbe es.

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