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Ausstellung zu Otto Freundlich : Schönheit ist Auflösung

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Intensität, Harmonie und Energie: Otto Freundlichs „Composition“ von 1940–43 Bild: Musée Montmartre

Im Dienst humanistischer Überzeugungen: Otto Freundlich war ein Pionier der abstrakten Kunst. Eine Pariser Retrospektive zeigt seine dynamischen Farbfeldkompositionen.

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          Es gibt nur wenige Künstler der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, deren Leben und Werk derart radikal die äußersten Möglichkeiten ihrer Zeit verkörpern. Otto Freundlich, und das ist die lichtvolle Seite, gehört in den Jahrzehnten des kreativen, alle Konventionen umstürzenden Kunstschaffens zu den Wegbereitern der Abstraktion. Er war dabei unerlässlich auf der Suche nach dem spirituellen Ausdruck in der Kunst und sah seine Arbeit auch im Dienst seiner humanistischen Überzeugungen, mit denen er nach einer befriedeten, kommunistisch gemeinschaftlichen Gesellschaft strebte. Aber sein Lebensschicksal führt zugleich in die dunkelsten Abgründe dieser Zeit.

          Als jüdischer und entschieden moderner Künstler wurde sein Werk im nationalsozialistischen Deutschland geächtet, aus den Museen gerissen, teilweise zerstört und an den Pranger der Ausstellung „Entartete Kunst“ gestellt. Die heute verschollene Skulptur „Großer Kopf“ hatte die zweifelhafte Ehre, auf der Titelseite des begleitenden Katalogheftchens zu fungieren und damit der biederen Häme bildliches Exempel zu geben.

          Denunziert und deportiert

          Als deutscher Emigrant in Paris, seiner definitiven Wahlheimat ab 1924, wurde Otto Freundlich mit dem Ausbruch des Krieges für die Franzosen zu einem „Staatsangehörigen feindlicher Kräfte“. Er wurde 1939 in französischen Lagern interniert, ein Jahr später entlassen. Als der Versuch fehlschlug, in die Vereinigten Staaten zu fliehen, versteckte er sich mit seiner ebenfalls aus Deutschland emigrierten Lebensgefährtin Jeanne Kosnick-Kloss bei Bauern in einem Dorf in den Pyrenäen. 1943 wurde Otto Freundlich denunziert und nach Polen deportiert, wo er am 9. März im Todeslager Sobibor ermordet wurde.

          Otto Freundlich: „Composition avec trois figures“, 1911–41 Bilderstrecke
          Wegbereiter der Abstraktion : Werke von Otto Freundlich

          2017 zeigte das Kölner Museum Ludwig eine umfassende Freundlich-Retrospektive. Aber im Vergleich zu anderen Künstlergefährten auf dem Weg in die Abstraktion wie Kandinsky, Mondrian oder Klee wird Otto Freundlichs Werk durchweg weniger Aufmerksamkeit zuteil. Die letzte Pariser Ausstellung geht sogar auf das Jahr 1969 zurück, und nun ist es ein vergleichsweise kleines Museum, in dem die retrospektivische Schau mit gut achtzig Werken und Archivdokumenten gezeigt wird.

          Ekstatischen Sanftheit

          Das Musée Montmartre liegt allerdings genau dort, wo Otto Freundlichs wichtigste künstlerische Entwicklung stattgefunden hat. Der 1878 in Pommern geborene Künstler kommt nach einer bildhauerischen Ausbildung und einem längeren Aufenthalt in Florenz im Jahr 1908 zum ersten Mal nach Paris. Im Bateau-Lavoir an der Butte Montmartre findet er einen Atelierraum, gleich neben Picasso. Es ist der Ort, an dem gerade ein Kapitel europäischer Kunstgeschichte geschrieben wird. Otto Freundlich wird sofort integriert, lernt Max Jacob und Guillaume Apollinaire kennen, ist mit Georges Braque und Robert Delaunay befreundet.

          Der Kunstkritiker Maurice Raynal schreibt: „Wir waren alle wie bezaubert von der träumerischen, fast ekstatischen Sanftheit seines Gesichtsausdrucks, der eine natürliche Großzügigkeit und Güte bezeugte.“ Der Kubismus ist im Entstehen begriffen, und wahrscheinlich konnte Otto Freundlich die „Demoiselles d’Avignon“ noch in Picassos Atelier betrachten.

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