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Ottheinrich-Bibel in Neuburg : Wer hat Angst vor Rot, Gold und Blau?

Gute Historien muss man bebildern, und zwar so wie in Neuburg an der Donau: Eine Schau zeigt die prunkvolle Ottheinrich-Bibel in der frisch restaurierten Schlosskapelle.

          6 Min.

          Martin Luther hielt 1522 den Bilderstürmern entgegen, dass die Lektüre der Bibel innere Bilder erzeuge. Auch wo Bibelillustrationen für sich stehen, verweisen sie zurück auf die Schrift. Besser sei es daher, „man male an die wand, wie Gott die wellt schuff, wie Noe die arca bawet und was mehr guter historien sind, denn das man sonst yregent welltlich unverschampt ding malet“. Vom christlichen Adel deutscher Nation wünschte sich Luther mäzenatisches Engagement: „Ja wollt Gott, ich kund die herrn und die reychen da hyn bereden, das sie die gantze Bibel ynnwendig und auswendig an den heusern für ydermans augen malen liessen, das were eyn Christlich werck.“

          Patrick Bahners
          (pba.), Feuilleton

          Die Schlosskapelle von Neuburg an der Donau, wo Pfalzgraf Ottheinrich 1542 die Reformation einführte, gilt als der erste Kirchenbau mit protestantischem Bildprogramm. 1543 beauftragte Ottheinrich Hans Bocksberger den Älteren aus Salzburg mit der Ausmalung. 1546 wurde Neuburg von kaiserlichen Truppen besetzt. Ottheinrich erkundigte sich aus dem Exil brieflich nach dem Zustand der „neuen capellen“. Hatte die Ausstattung der Schlosskirche den Sacco di Neuburg überlebt? Oder war „das biblisch gemäl an den wänden verderbt“?

          Die Gemälde zeigen Szenen aus dem Buch der Bücher, vor allem den fünf Büchern Mose. Im rechten Bogenfeld der Westempore die Sintflut. Der Gegenstand ist kaum zu verkennen und wird gleichwohl in einer Bildlegende angegeben, die auch die Bibelstelle nennt. Die Inschrift in Großbuchstaben befindet sich auf der Sockelleiste eines gemalten Rahmens, der ein Fenster simuliert: „NOAH IN DER ARCH · GEN VI“. Genauso lautet die Inhaltsangabe einer Abbildung in den „Biblischen Historien“, einem Büchlein mit achtzig ganzseitigen Holzschnitten von Hans Sebald Beham.

          Goldenes Kalb und eherne Schlange

          In der Schlossbibliothek muss die kurze Bilderbibel in der Auflage von 1537 vorhanden gewesen sein, denn die Bildunterschrift der Erstausgabe von 1533 war umständlicher: „Noah wirdt in der Archen vom Sindtflut erhalten.“ Die bündigere Fassung verstärkt den Charakter des Merk- und Sinnbilds, den Behams abstrahierende Erzählweise der Arche gibt. Menschen sind keine zu sehen, die einen sind ertrunken, die anderen gerettet, „in der Arch“. Bocksberger hat nur die Inschrift kopiert, nicht das Bild. Vorder- und Mittelgrund des Freskos füllen die im Wasser versinkenden Opfer des göttlichen Strafgerichts, Menschen und Tiere, hinten als Menge, vorne pathetisch individualisiert im Stil der Schule Raffaels.

          Alle müssen sterben, aber wenigstens sind sie nicht allein. Eine Mutter trägt ihr Kind auf der Schulter; ein junger Mann greift einer jungen Frau unter die Arme und will sie auf das letzte Stückchen Land ziehen: Liebesleute, die Augen nur füreinander haben, nicht für das Unglück. Vor diesen Wimmelszenen einer gottabgewandten Menschheit bekommt die Beischrift eine neue Funktion: Sie lenkt den Blick auf den heilsgeschichtlichen Container im Hintergrund und die winzige Taube mit dem großen Ölzweig im Schnabel.

          Das Titelbild der „Biblischen Historien“ führte mit der Gegenüberstellung der Exodusmotive des goldenen Kalbs und der ehernen Schlange in die reformatorische Gnadenlehre ein. Fresken mit dieser Thematik eröffnen in Neuburg die Exodussequenz rechts vom Altar, einer von einem Rundbogen aus rotem Marmor eingefassten Kreuzigungsgruppe. Die Altarinschrift erläutert mit dem Johannesevangelium den Sinn des Schlangenbildes aus Erz, dessen Anblick die von Schlangen gebissenen Israeliten heilte: Wie Moses die Schlange erhöht hat, so soll der Menschensohn erhöht werden.

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