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Ottheinrich-Bibel : Gottes Wort auf Deutschland-Tour

  • -Aktualisiert am

Die älteste erhaltene Handschrift des Neuen Testaments in deutscher Sprache, die prächtige Ottheinrich-Bibel, ist jetzt in einer Frankfurter Ausstellung zu sehen. Das mit leuchtenden Farben und wunderbaren Bildern illuminierte Werk gilt als kunsthistorisch hochbedeutendes Dokument.

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          Im Frankfurter Bibelhaus ist es dunkel, so wie es die Restauratoren für dieses einmalige Ereignis vorgeschrieben haben: Die berühmte Ottheinrich-Bibel ist zu Gast. Nur aus den schon erwartungsvoll hochgeklappten Vitrinen dringt ein diffuse Licht. Hier müssen die zwischen 1430 und 1530 entstandenen Bände der Heiligen Schrift vorsichtig aufgestellt werden. Begleitet werden die schweren Kisten mit der kostbaren Fracht aus München vom wichtigsten Mann des Tages: Helmut Binder, Restaurator an der Bayerischen Staatsbibliothek, der für die konservatorische Betreuung der unschätzbar wertvollen Leihgabe zuständig ist: Es handelt sich um die älteste erhaltene Handschrift des Neuen Testaments in deutscher Sprache, illuminiert mit wunderbaren, in den schönsten Farben leuchtenden Bildern, die jetzt in Frankfurt zu sehen sind.

          Nach einer Tour ins Deutsche Historische Museum Berlin, nach Gotha und Bamberg wird die höfische Prunkbibel dann im kommenden Jahr in die Bayerische Staatsbibliothek zurückkehren und aus konservatorischen Gründen jahrelang nicht mehr öffentlich zu sehen sein.

          Das Buch ist empfindlich

          Eigentlich müsste sie ja auch jetzt mindestens einen Tag lang in der Klimakiste bleiben, um sich an die veränderte Raumsituation zu gewöhnen, sagt der Restaurator. Doch er ändert seine Meinung, als er mit seinem multifunktionalen Messgerät feststellt, dass die Temperatur im Ausstellungstrakt des Bibelhauses mit neunzehn Grad exakt so hoch ist wie am Aufbewahrungsort der Bibel in München und in der Transportkiste. Denn Temperaturschwankungen verkraftet das fragile Dokument nicht. Mit der Luftfeuchtigkeit, die sein Gerät anzeigt, ist er genauso zufrieden.

          Also zieht er seine weißen Handschuhe an und macht sich ans Werk. Mindestens so vorsichtig und liebevoll wie eine junge Mutter, die gerade ihr Baby aus dem Körbchen hebt, beugt sich Binder über die offene Kiste und holt die acht Teilbände und die beiden Einzelblätter der Ottheinrich-Bibel heraus. Sorgfältig untersucht er deren Zustand, bevor er sie auf transparenten Stellagen in den Vitrinen plaziert und mit seinem praktischen Vielzweckinstrument genau festlegt, wie viel Lux die jahrhundertealten Malereien höchstens vertragen.

          Spitzenwerk der Buchmalerei

          Und so verwandelt sich der Raum allmählich in eine Schatzkammer, in der ein paar Wochen lang dieses Spitzenwerk der Buchmalerei von der Spätgotik bis zur Renaissance zu bewundern ist: ein Bild vom Gastmahl des Herodes nach Markus 6, 17–18 etwa, mit Damen und Herren in der hocheleganten höfischen Kleidung des fünfzehnten Jahrhunderts. In üppigem Pelz und einem Mantel aus blauem Samtbrokat ist Herodes zu sehen – und weist eine wohl kaum zufällige Ähnlichkeit mit Kaiser Sigismund auf, der es ja zuließ, dass Jan Hus als Ketzer verbrannt wurde.

          Sehr viel friedlicher wirkt das Bild der Jünger im Boot. Kein Wunder: Geschildert wird die Szene unmittelbar nach der „Stilllegung des Meeres“ (Matthäus 8, 23–27), die Jesus mit sanfter Kritik an der Kleingläubigkeit seiner Anhänger verbunden hatte. Es ist eine seltene Freude, sich in diese lebensvolle Malereien zu den Geschichten des Neuen Testaments zu vertiefen, die ausdrucksvolle Mimik und Körpersprache der biblischen Gestalten zu bestaunen, die Vielfalt der delikaten Farben oder den Wechsel der Töne zwischen zarter Innigkeit und erschreckender Drastik wahrzunehmen.

          Rätsel der Kunstgeschichte

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