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„Optical Art“ : Alle Rauschmittel sind erlaubt

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Es ist ein Wechselspiel visueller Eindrücke, ein halluzinogener Trip, der im Schwindel enden kann. Hier vergeht einem das Sehen, ganz bestimmt: Die „Op Art“ bringt den eigenen Standpunkt gänzlich aus dem Gleichgewicht.

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          Es ist ein Wechselspiel visueller Eindrücke, ein halluzinogener Trip, der im Schwindel enden kann. Wenn der eigene Standpunkt gänzlich aus dem Gleichgewicht gerät, der Blick seine Richtung aus den Augen verliert und die Farbspiele die Sinne täuschen, wird auch die Frankfurter Kunsthalle in Bewegung geraten, in der heute die Schau „Op Art“ eröffnet wird. Mehr als vierzig Jahre nachdem sie ihre Hochphase erlebte, kehrt sie auf die deutsche Ausstellungsbühne zurück, wo sie starke Fürsprecher findet, die versuchen wollen, die „Optical Art“ vom Makel eines lediglich dekorativen und unterhaltsamen Spiels zu befreien.

          In der Rotunde der Schirn Kunsthalle findet sich schon das erste Argument, das alle Skeptiker zu überzeugen sucht. Zumindest wird es die Aufmerksamkeit des Publikums spielend gewinnen: Dort setzt die Italienerin Maria Appolonio eine Kreisfläche mit zehn Meter Durchmesser optisch in Bewegung, indem sie durch den Aufdruck einer schwarzweißen Spiralform den Eindruck einer fließenden Masse erzeugt. Die Besucher können das Kunstwerk besteigen und die Dynamik des Raums aus dem Kreisinnern erleben oder die spiralförmige Bewegung von oben beobachten und auf ihren Sehsinn wirken lassen.

          „Sphärisches Raster“

          Mit diesem spektakulären Akt wird die „Attacke auf das Auge“ in der Schirn eingeläutet. Mit diesen Worten wurde 1964 im „Time“-Magazin die damals neue Kunstrichtung beschrieben, deren Protagonisten, fasziniert von den physikalischen Gesetzen des Lichts und der Optik, sich der Untersuchung der Prinzipien der Wahrnehmung und den Möglichkeiten visueller Phänomene verschrieben hatten. Damals entstand, als Äquivalent zur Pop Art, auch der Begriff der Op Art.

          Die Präzision der Linien auf Bridget Rileys „Movement in Squares“ aus dem Jahr 1961 trifft das Auge unvorbereitet, lässt den Standpunkt unbestimmt erscheinen und lotet die Grenzen unserer Wahrnehmung aus. Drei Werke der, neben Victor Vasarely wohl bekanntesten Vertreterin der Op Art, sind in der Schirn zu sehen.

          Riley will, so ist im Katalog zu lesen, mit ihren Gemälden bewusst „einen Rausch erwecken“, der „bis zu seiner äußersten Stärke anwächst“. Und „dieser Rausch ist eben das Sehen, da ja Sehen nichts anderes ist als ein Habhaftwerden auf Entfernung“. Blickt man auf der Suche nach dem verlorenen Standpunkt in eine Nische, so dreht sich dort François Morellets „Sphärisches Raster“, eine Discokugel aus einem Eisengestänge, bis man nicht mehr unterscheiden kann, wer sich hier eigentlich bewegt.

          Sehsinn in den Grundfesten erschüttert

          Ein eigener Raum zeigt eine Auswahl von Werken der Gruppe „Zero“, die im Vergleich mit den anderen Vertretern der heterogenen und schwer zu kategorisierenden Op-Art-Bewegung auffallend zurückhaltend wirken: Otto Pienes „Lichtballett“ kommt zur Aufführung, Heinz Macks „Lamellenrelief“ von 1961 und Günther Ueckers „Symmetrische Skulptur räumlich“ von 1959.

          Almir Mavignier sorgt schließlich mit seinem Gemälde „Konvex-Konkav II“ von 1962 für eine gewisse meditative Beruhigung des längst bis in seine Grundfesten erschütterten Sehsinns. Farbtupfer neben Farbtupfer, in allen erdenklichen Größen, setzt er in strengen Mustern nebeneinander auf die Leinwand.

          Einen weiteren Höhepunkt stellen François Morellets „Reflets dans l'eau déformés par le spectateur“ von 1964 dar: Unter der Decke schwebt eine seiner reduzierten Neonarbeiten, unter der ein mit einer schwarzen Flüssigkeit gefülltes Becken steht. Wird das Becken angestoßen, setzt sich die Flüssigkeit in Bewegung und mit ihr das Spiegelbild der Neonröhren.

          Magisch-beschleunigte Zeit

          Doch sind wir nicht schon längst an all diese Verwirrungen und Täuschungen der Op Art gewöhnt? Ist sie, wie man an einigen älteren Werken sehen kann, nicht doch Geschichte? Christian Megerts Spiegelarbeit „Ein neuer Raum“ war das letzte Mal 1968 in einer Ausstellung zu erfahren. Auf dem Boden und an der Decke ist der Raum mit Spiegelplatten ausgelegt: „Ich will einen neuen Raum bauen, einen Raum ohne Anfang und Ende, in dem alles lebt und zum Leben aufgefordert wird“, schrieb Megert 1961. Diese Raumerfahrungen werden heute durch Computer spielend simuliert.

          Was also bleibt von der Op Art, abgesehen von solchen Erlebnisräumen? Beantwortet wird diese Frage mit der Installation von Gabriele Devecchis (Gruppo T) „Strutturazione a parametri virtuali“ aus dem Jahr 1969, die mit poetischen Mitteln umschreibt, was auch Megerts Spiegelraum nach wie vor erlebenswert macht. In einem engen abgedunkelten Raum fällt Licht durch zwei schmale Ritzen, die sich wie gemalte Linien auf einer Leinwand im Dunkeln entfalten, sich durch die Bewegung des Betrachters verändern und überschneiden.

          Der Standpunkt bestimmt hier die Kunst. Der Betrachter wird zurückgeworfen auf seine individuelle Sicht auf die Dinge. So besehen, ist die Op Art mehr als eine Bild-Kunst. Was sie als Erlebnis-Kunst über die Irritationsanfälligkeit unserer Wahrnehmung in einer magisch-beschleunigten Zeit aussagen kann, wird jeder Besucher selbst erfahren.

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