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Olympia-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau : Auf den Schwingen des Agon

Bei den Griechen gab es keine zweiten Sieger: Eine große Ausstellung im Martin-Gropius-Bau erzählt die Geschichte der antiken Olympischen Spiele und ihrer Wiederentdeckung durch die moderne Archäologie.

          Wer etwas über die Einstellung der alten Griechen zum Sport begreifen will, muss sich nur klarmachen, dass die heute erfolgreichste Sportart, der Fußball, bei ihnen undenkbar gewesen wäre. Ein Spiel mit verteilten Rollen, mit Angreifern und Verteidigern, bei dem am Ende nicht Individuen, sondern Mannschaften gewinnen, widersprach dem griechischen Weltgefühl. Im Tal von Olympia, wo sich seit etwa 700 vor Christus alle vier Jahre die Athleten der Stadtstaaten versammelten, um sich zu messen, gab es nur Einzelne: den Läufer, den Wagenlenker, den Faust- oder Fünfkämpfer. Als Gewinner ging immer nur einer vom Platz; wer Zweiter wurde, hatte verloren, Silber wurden nicht vergeben.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Darin war Olympia ein Spiegelbild der antiken Städtekriege: Polis kämpfte gegen Polis, Stamm gegen Stamm, Zweier-, gar Dreierbünde waren selten. Erst im Widerstand gegen die Perser entstanden größere Bündnisse; bald rangen sie miteinander um die Macht in Griechenland. Eine solche Koalition, der Arkadische Bund, war es auch, die 364 vor Christus den Tempelbezirk in Olympia besetzte und die Vertreter der Stadt Elis, des traditionellen Ausrichters der Spiele, daraus vertrieb. Die Elier kehrten mit Waffenmacht zurück, es kam zu Blutvergießen im Heiligtum des Zeus. Schließlich verzichteten die Arkader auf ihre Ansprüche mit der Begründung, sie wollten nicht den Fluch der Götter auf ihre Kindeskinder herabrufen. Als steinernes Symbol der Verständigung entstand damals womöglich jener Hermes des Praxiteles mit dem Dionysosknaben, der von deutschen Ausgräbern 1877 gefunden wurde und heute das wichtigste Ausstellungsstück des Archäologischen Museums von Olympia ist.

          Ende des heidnischen Spektakels

          In der Ausstellung im Berliner Gropiusbau, die mit mehr als fünfhundert Exponaten den „Mythos Olympia“ durchleuchten will, kann man die Hermesstatue jetzt in einem erstklassigen Gipsabguss betrachten. Der Gott trägt das Kind des Zeus und der Semele auf dem Arm, um es vor der Eifersucht derHera zu beschützen. Als der römische Reiseschriftsteller Pausanias das Kunstwerk um 160 nach Christus sieht, steht es bereits im Heraion, dem ältesten Tempel von Olympia. Der Mythos des Dionysos ist offenbar ebenso in Vergessenheit geraten wie der Herakult, das Heiligtum dient jetzt als Museum, auch Elis ist nur noch ein verschlafenes Landstädtchen.

          Aber der Betrieb geht weiter, die Spiele, von Nero - er wurde zum Sieger im Wagenrennen erklärt, obwohl sein Gespann gestürzt war - und Hadrian gefördert, blühen noch lange; bis ins Jahr 385 reicht die bronzene Siegerliste, die im Gropiusbau gezeigt wird. Erst im fünften Jahrhundert ist endgültig Schluss mit dem heidnischen Spektakel; im siebten Jahrhundert entsteht zwischen Zeustempel und Südhalle eine byzantinische Festung, im achten, nach Erdbeben, Überschwemmungen und Slawensturm, wird der Ort aufgegeben.

          Ruhende Objekte

          Es gibt viele solche Geschichten von Um- und Nachnutzung, von Krieg, Bestechung, Triumphen ohne Kampf, tragischen Siegern und rachsüchtigen Verlierern rings um Olympia und seine tausendjährige Tradition. Die Stärke der Berliner Ausstellung besteht darin, dass sie für fast jede dieser Geschichten Anschauungsmaterial bietet, von mykenischen Tonkrügen bis zu römischen Kapitellen, von Bronzeschilden und -statuetten bis zu den Abgüssen der Giebelfiguren und Metopen des Zeustempels.

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