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Olafur Eliassons Wasserfälle : Dies ist euer Kunstwerk!

New York weiht die gigantischen Wasserfälle des Künstlers Olafur Eliasson ein. Viel wurde vorher darüber geredet, von Seite des Künstlers, von Seite der Öffentlichkeit. Und jetzt, wo sie da sind, fallen sie, ohne besonders aufzufallen.

          Nur einmal kommt sein Redefluss, der sich bis zum Wasserfall steigern kann, ins Stocken. My God! ruft Olafur Eliasson aus, als die „Zephyr“, das Ausflugsboot, auf dem er eine Ehrenrunde zwischen seinen von ihm soeben in Gang gesetzten vier New Yorker Wasserfällen dreht, doch ein wenig ausgiebiger schlingert, als es dem Künstler genehm ist. Es sind aber nicht Eliassons Wasserfälle, die den Kahn ins Trudeln bringen. Sie schlagen, zumindest in nautischer Hinsicht, keine hohen Wellen. Es ließe sich sogar behaupten: Sie fallen, ohne besonders aufzufallen. Um so wichtiger ist, dass darüber geredet wird.

          Jordan Mejias

          Feuilletonkorrespondent in New York.

          Eliasson hat sich denn auch schnell wieder gefangen, und ohne eine weitere kostbare Sekunde zu verlieren, bindet er den Wellengang, den vorübergehenden Schrecken, die Flüchtigkeit der Natur, die Launen des Wetters in seine große, ja fast schon monumentale Erzählung über die Wasserfälle ein, die in ihrer Wirklichkeit nicht durch ihre seit Wochen und Monaten vorausgesagte Monumentalität bezwingen. Nördlich der Manhattan Bridge, unter der Fahrbahn am östlichen Pylon der Brooklyn Bridge, vor der Uferpromenade von Brooklyn Heights und am Rande von Governors Island sind sie, von weitem betrachtet, Tupfer im New Yorker Hafenpanorama.

          Die Bescheidenheit des ermöglichten Unmöglichen

          Auch die Bootsfahrt bringt da keine neuen Erkenntnisse oder wesentlich veränderten Eindrücke. Im Umkreis der Manhattan Bridge donnert es zwar mächtig, aber das kommt vom Autoverkehr, nicht von herunterstürzenden Wassermassen. Eliassons Wasserfälle halten sich geradezu antiklimaktisch zurück, wer die Verfrachtung der Niagarafälle nach Manhattan erwartet hat, wird enttäuscht. Allenfalls bei Nacht sorgen Leuchtdioden für atmosphärischen Zauber. Eliasson bietet Natur aber auch dann als urbane Inszenierung. Aus vielen Blickwinkeln übertreffen die Gerüste mit ihrem Stahlrohrgewebe locker die Wasserfälle, die wie transparente Vorhänge im Wind wehen.

          Das alles muss kein Makel sein. Aber die Wirklichkeit reibt sich unangenehm an dem rhetorischen und interpretatorischen Bombast, der auch noch den Eröffnungstag prägte. Wenn Bürgermeister Michael Bloomberg kräftig auf die Pauke haute und Eliasson als Künstler pries, der das Unmögliche möglich mache und deshalb so gut nach New York passe, war das noch als Pflichtübung des Stadtoberhaupts abzuhaken. Selbst Bloomberg aber schien überrascht von einem Medienauflauf, den er in dieser Größenordnung, wie er meinte, bisher nur bei Auftritten von Jennifer Lopez erlebt habe.

          Kunst allein schafft das in der Regel nicht, in New York kommt ihr deshalb die Marketingmathematik zu Hilfe. Auf allen Kanälen und in allen Blättern wird inzwischen vorgerechnet, was es statistisch, technisch, physikalisch, finanziell, ökonomisch, ökologisch mit den „New York City Waterfalls“ auf sich hat. Die Grunddaten: 4 Wasserfälle sind ab heute 110 Tage lang von 7 Uhr morgens bis 22 Uhr abends, mithin 1650 Stunden, zwischen der Manhattan Bridge und Governors Island in Betrieb. 2207 Liter Wasser stürzen dabei in einer einzigen Sekunde dort in den East River, wo er an der Südspitze von Manhattan in die Bay mündet. Übertragen auf die gesamte Installationsdauer wären das 13.116.451.832 Liter umgewälzten Wassers.

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