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Olafur Eliasson in Berlin : Diese Kunst geht ins Auge

Er fing mit einfachen optischen Tricks an und wurde mit einer monumentalen Sonne berühmt. Jetzt widmet der Berliner GropiusBau dem Künstler Olafur Eliasson eine große Ausstellung.

          Seltsame Sachen macht dieser Mann. Er saß monatelang in seinem Berliner Labor, das niemand betreten durfte, tauchte nur manchmal auf und brachte funkelnde Kristalle und glitzernde Dinge mit; aus dem Labor zogen beißende Gerüche und Rauchschwaden herüber, manchmal knallte es, man hörte Schreie, von schwarzer Magie war die Rede. Am Ende brannte das Labor ab, der Mann verschwand in Skandinavien, wo er, wie man hörte, ein erfolgreicher Künstler wurde.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Das ist, in Kurzfassung, die Geschichte des Alchemisten und Glaskünstlers Johannes Kunckel, dem Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg 1685 die in der Havel gelegene Pfaueninsel schenkte, damit er dort seine Experimente vorantrieb; später wurden dort, wo das reale Labor mit großem Effekt in die Luft geflogen war, bizarrerweise künstliche Ruinen errichtet. Auf genau dieser Insel, die seit der frühen Moderne eine Schnittstelle von wissenschaftlicher Forschung und optischen Bluffs war, hat der dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson jetzt seinen rätselhaft spiegelnden „Blind Pavillon“ aufgestellt – einen ebenfalls futuro-alchemistisch wirkenden Außenposten der ersten großen Einzelausstellung, die man dem 1967 geborenen Eliasson in seiner Wahlheimat Berlin ausrichtet.

          Mit Hang zum Monumentalformat

          In den neunziger Jahren war Eliasson dort mit verblüffend simplen und effektvollen optischen Tricks bekannt geworden. Einmal spannte er eine sonnengelbe Folie durch den Raum, in dem es plötzlich aussah, als falle warmes Abendlicht herein. Bei Utrecht wunderten sich Autofahrer, dass die Sonne auf der verkehrten Horizontseite hinter ein paar Bäumen unterging – bis der Künstler sie abholte: Es war eine Scheibe mit fast vier Metern Durchmesser. In Stockholm starrten 1998 die Leute erstaunt ins Wasser, das giftgrün leuchtete – Eliasson hatte eine Farbe benutzt, die Wissenschaftler zum Markieren von Flussverläufen verwenden, er hatte sozusagen die Avantgarde-Idee des All-Over-Paintings aufs Stadtformat hochgezoomt; die Farbe verließ das Museum und überschwemmte den öffentlichen Raum.

          Schon damals zeichneten sich die Charakteristika von Eliassons Kunst ab: Sie setzt auf Verblüffung, Überwältigung und auf ein Erstaunen, das den normalen Gang der Dinge im öffentlichen Raum aushebelt, um zu sehen, was dann in ihm passiert. Sie schafft eine künstliche Natur, die – wie ein Kippbild – in einem Moment eine perfekte Illusion erzeugt und im anderen (anders als die Raumillusionen von James Turrell) ihre Konstruktion offenbart. Sie hat einen Hang zum Monumentalformat. Und sie ist für jedermann zugänglich; an Eliassons Arbeiten und Effekten haben auch Kinder ihre Freude.

          Raum ohne feste Grenzen

          Das ist auch in der Berliner Ausstellung so. Sie hat viel gemein mit den Effektbauten eines Jahrmarkts: Da gibt es Zerrspiegel und bunte Schatten, im Lichthof hat Eliasson die filigrane Glaspalast-Kuppel durch haushohe Spiegelwände so reflektiert, dass man sich vorkommt wie im Inneren eines gigantischen Kristalls. Ein paar Schritte weiter wartet, wie ein Versprechen auf weitere dieser Raumutopien, eine Ansammlung futuristischer Modelle, eine phantastische Stadt aus kristallinen Objekten, bei denen man sich nicht sicher sein kann, ob es sich um vergrößerte Formen der Natur oder die Miniatur einer chinesischen Zukunftsstadt handelt. Seit kurzem betreibt Eliasson ein „Institut für Raumexperimente“, in dem auch daran geforscht wird, welche Formen die Stadt als Ort einer kollektiven Erfahrung verändern können. Einige der hier im Geist Buckminster Fullers und Karl-Heinz Adlers entstandenen Skulpturen wirken wie zukunftsweisende Modelle aus Kristallen zusammengesetzte Häuser, in denen Innen und Außen sich auflösen. Eliassons beste Räume und Objekte werden aber meistens erst vom Auge des Betrachters fertig konstruiert.

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