https://www.faz.net/-gqz-9tl78

Humboldt-Ausstellung : Odyssee im Weltwissensraum

Zeitgenössische Zeichnungen zeigen Alexander von Humboldt: Eines der 350 Objekte in der Ausstellung. Bild: EPA

Wilhelm und Alexander von Humboldt sind die Galionsfiguren des Berliner Schlosses und der neuen Kulturpolitik. Das Deutsche Historische Museum widmet den beiden preußischen Brüdern eine umfassende Ausstellung.

          4 Min.

          Sie bekommen ein Schloss. Das steht fest, auch wenn niemand genau sagen kann, wann das Humboldt-Forum endlich alle vier Etagen hinter den neubarocken Sandsteinfassaden eröffnen wird. Bis Ende 2021 könnte es dauern, vielleicht, je nach „Bauverzögerung“, dem Euphemismus für Pfusch, auch noch länger. Aber den Humboldts, Alexander und Wilhelm, soll es gewidmet sein, ihre Namen stehen für ein Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm, das von Weltoffenheit, Weltbürgertum, Gleichrangigkeit der Weltkulturen künden soll und auf dessen Verwirklichung die deutsche Öffentlichkeit nun seit Jahren wartet, mit zunehmender Gereiztheit und abnehmender Geduld.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ein Thema aber fehlt erstaunlicherweise auf der Themenliste des Humboldt-Forums: die Humboldts selbst. Zwar zeigt die Humboldt-Universität im ersten Obergeschoss einen Querschnitt ihrer historischen Schätze, zwar soll auf derselben Etage eine „Humboldt-Akademie“ Besucher mit der Idee des Forums vertraut machen, aber eine Dauerausstellung über die Brüder Humboldt ist, so weit bekannt, weder dort noch an anderer Stelle des Schlossbaus vorgesehen. Statt dessen gibt es jetzt schräg gegenüber, im Deutschen Historischen Museum Unter den Linden, eine Humboldt-Ausstellung, die am 19. April ihre Pforten wieder schließt, ein gutes halbes Jahr, bevor im Humboldt-Forum das erste Halbgeschoss eröffnet wird. Ist es auch Wahnsinn, hat es doch Methode.

          Die Pointe der Ausstellung besteht darin, dass sie von Bénédicte Savoy kuratiert wurde, der schärfsten Kritikerin („Tschernobyl“) des Humboldt-Forums. Vor zwei Monaten widmete der „Spiegel“ dem Projekt von Savoy und ihrem Historikerkollegen David Blankenstein einen Vorbericht, der die Erwartung nährte, hier werde den Humboldts gründlich und gnadenlos der Prozess gemacht. Schließlich habe Alexander jahrelang „als Höfling“ gearbeitet und für den spanischen König und den Zaren Daten gesammelt. In Venezuela habe er – „kein gutes Vorbild“ – menschliche Gebeine geraubt, und über die „erdefressenden Otomaken“ am Orinoco äußerte er sich respektlos. Sein Bruder Wilhelm war währenddessen als „Diplomat seines Königs“ (nicht seines Landes) in Europa unterwegs. Für beide gelte, dass sie „standesbewusst“, lies: undemokratisch, gedacht und gehandelt hätten.

          In der Republik der Wissenschaften

          In der Ausstellung im DHM ist von diesem Sündenregister nichts zu sehen. Im Gegenteil: Erst in der Gesamtschau begreift man, wie sehr die Humboldts von der Französischen Revolution geprägt waren, deren Ausbruch sie mit Anfang zwanzig miterlebt hatten. Als die Pariser im Juli 1790 auf dem Marsfeld Erdwälle für die Bastille-Feiern aufschütteten, schob Alexander einen Schubkarren. Zwei Jahre später veröffentlichte Wilhelm seine „Ideen zu einem Versuch, die Gränzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen“. Die Totalität der Weltbetrachtung, nach der die Brüder auf ihren jeweiligen Feldern strebten, war der Versuch, die republikanische Erfahrung in die Wissenschaft zu übertragen. Der Staat mochte Grenzen ziehen, der menschliche Geist überflog sie. Drei Jahre nach der gescheiterten Revolution von 1848 wurde Wilhelms Schrift als Manifest des Liberalismus wiederentdeckt.

          Weitere Themen

          Auf der dunklen Seite des Karnevals

          Schwarzwald-„Tatort“ : Auf der dunklen Seite des Karnevals

          Im „Tatort: Ich hab im Traum geweinet“ endet die Fastnacht mit einem brutalen Kater. Die Kommissare landen miteinander im Bett. Einen Mord gibt es auch. Das nennt man filmischen Ausnahmezustand.

          Der friedliche Revolutionär

          Zum Tod von Yona Friedman : Der friedliche Revolutionär

          Es waren seine Denkgebäude, nicht seine physischen Bauten, die ihn zu einem der wichtigsten Architekten der klassischen Moderne machten. Jetzt ist Yona Friedman im Alter von 96 Jahren gestorben.

          Topmeldungen

          Der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) und seine Frau Eva-Maria nach der Stimmabgabe

          Bürgerschaftswahl : Große Mehrheit für Rot-Grün in Hamburg

          In den Prognosen liegt die SPD mit großem Abstand vorn. Die Grünen verdoppeln ihr Ergebnis. Die CDU verliert, FDP und AfD müssen um den Verbleib in der Bürgerschaft bangen. Rot-Grün hätte eine komfortable Mehrheit.

          Coronavirus : Warum es Italien so schwer erwischt hat

          In Italien steigt die Zahl der Infektionsfälle täglich. Teile des Landes stehen unter Quarantäne, Verstöße werden strafrechtlich geahndet. Venedigs Karneval ist abgesagt, Profi-Fußballspiele fallen aus, die Mailänder Scala ist zu.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.