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NS-Raubkunst und Fall Gurlitt : Wie könnte denn Versöhnung aussehen?

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Wie kann man im Fall Gurlitt zwischen Opfern und Tätern versöhnen? Bei einer Münchner Tagung zu Raubkunst und Restitution machte der Historiker Michael Wolffsohn dazu einen bemerkenswerten, aber unpraktikablen Vorschlag.

          Auf Tagungen von Akademien kommt es selten vor, dass ein Publikum „Bravo“ am Ende eines Vortrags ruft. Am diesem Wochenende allerdings geschah genau das, als die Kunsthistorikerin Meike Hopp vom Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte sprach, zu „Problemfeldern der Provenienzforschung“ anhand des Beispiels von Cornelius Gurlitt. Wer also glaubt, zu diesem Fall sei längst alles gesagt, der wurde hier eines Besseren belehrt.

          „NS-Raubkunst. Spätschuld, Folgen und Konsequenzen“ lautete der Titel einer Tagung in der Katholischen Akademie München. Zu den vier Vortragenden zählte auch ein Abgesandter des Bayerischen Justizministeriums, Amtschef und Ministerialdirektor Walter Schön.

          Wie von katholischen Akademien nicht anders zu erwarten, bemühten sich die Veranstalter neben den juristischen Begriffen auch einen ethischen, theologischen in Umlauf zu bringen: die Versöhnung. Die Versöhnung zwischen Opfern und Tätern, zwischen Räubern und Beraubten, die der Historiker Michael Wolffsohn ins Zentrum seines Vortrags zu „Räuber, Beraubte und ihre Nachfahren. Über Schuld, Umkehr, Sühne und Versöhnung“ stellte, mit dem die Münchner Tagung eröffnete.

          Die Initiative der Kulturstaatsministerin

          Noch am Vortag, dem vergangenen Freitag, wurde die Veranstaltung von einer aufsehenerregenden Meldung aus Berlin eingeholt. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hatte die Suche nach NS-Raubgütern in Museen, Archiven und Bibliotheken endgültig zur Chefsache erklärt. Zu diesem Zweck solle die Stiftung „Deutsches Zentrum Kulturgutverluste“ ins Leben gerufen werden, unter deren Dach die Magdeburger Koordinierungsstelle mit ihrer Datenbank Lostart.de, die Beratende Kommission für Streitfälle (Limbach-Kommission) sowie die Berliner Arbeitsstelle für Provenienzforschung ziehen werden. Zudem sollen die Finanzmittel des Bundes für Provenienzforschung von jetzt 2,7 Millionen Euro im Jahr deutlich erhöht werden. Auch Privatsammler, so hieß es in der Meldung, sollen bei der Erforschung ihrer Bestände von der Stiftung unterstützt werden – Bürger also wie Cornelius Gurlitt, die Raubkunst aus dem Nationalsozialismus besitzen.

          Was könnte mit Blick auf NS-Raubkunst also Versöhnung meinen? Michael Wolffsohn begann zunächst mit einer Geschichte, die wie ein hässliches Märchen klingt, aber leider eine wahre Familiengeschichte ist – die seiner eigenen in Deutschland. Es ist die Geschichte von Karl Wolffsohn, seinem Großvater, einem deutschen Verleger, Kino- und Theatereigentümer.

          In Essen erbaute er die „Lichtburg“, ein Kino, das nach 1933 „arisiert“ wurde, ebenso wie die beiden Theater „Scala“ und „Plaza“ in Berlin. Karl Wolffsohn floh nach Palästina, überlebte, kehrte 1949 zurück und kämpfte nun darum, das geraubte Kino und die Theater zurückzuerhalten – vergebens. „Mein Vater“, so Wolffsohn in seinem Vortrag, „setzte die Don-Quijotierie fort“. 1962 entschied der Bundesgerichtshof für die Dresdner Bank, das Geldinstitut, das 1933/4 die „Arisierung“ durchgeführt hatte. Vertreten ließ sich das Bankhaus durch denselben Anwalt, der die Enteignung im Nationalsozialismus vorangetrieben hatte. Das Unrecht blieb folgenlos für die Täter.

          Eine kraftvoll schallende Ohrfeige

          Kürzlich feierte das Essener Kino sein 85. Jubiläum. Niemanden, auch nicht Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, war die Erwähnung der enteigneten jüdischen Gründer auch nur ein Wort wert, eingeladen wurden ihre Nachfahren auch nicht. Michael Wolffsohn bezeichnete dies als eine „kraftvoll schallende geschichtsunethische Ohrfeige“.

          Welchen Schluss zog Wolffsohn daraus? Was wäre die Sühne, was die mögliche Versöhnung? Er, der mehr als genug habe, wie er formulierte, kämpfe nicht weiter um die Entschädigung. Er nämlich, der „trotz und nach dem Raub auch ohne vollständige Erstattung genug habe“, verzichtete. Der „Teufelskreis von Tat und Vergeltung durch Bestrafung“ müsse durchbrochen werden, im Sinne eines höheren Werts, dem inneren Frieden eines Landes.

          Und mehr noch: Zu seinem Verzicht zog Wolffsohn eine zeitgeschichtliche Parallele. Niemand Geringeres als der „große Nelson Mandela“ haben den „Königsweg“ gewiesen, indem er „Wahrheits- und Versöhnungskommissionen einrichten ließ – ohne Recht und Gerichte oder den Anspruch auf Gerechtigkeit“. Was das übertragen auf die NS-Raubkunst heißen könnte, führte Wolffsohn ebenfalls aus: „Für Versöhnungen und Frieden sollten die im Wohlstand (nicht die in Armut) lebenden Erben der dritten Generation sowie ihre Nachfahren auf das geraubte und nicht erstattete Familieneigentum verzichten“. Im Gegenzug solle das geraubte Gut allerdings als solches gekennzeichnet werden, „als Kainszeichen“.

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